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.:Kraftlos und leer:.

Ich sollte für die Geographieprüfung morgen lernen. Ich hätte Zeit dafür. Ich könnte mindestens die Hälfte des zu lernenden Stoffes in dieser Freistunde bearbeiten. Konjunktiv ist etwas Herrliches; ich sollte, hätte, könnte - aber ich schaffe es nicht. Warum? Weil mir die Kraft dazu fehlt. Weil mir die Kraft für nahezu alles fehlt. Ich bin am Ende, leer, ausgebrannt, und das schon nach drei Schulwochen. Ich wehre mich dagegen, es zuzugeben, aber Schule, Intensivtherapie und Reiten überfordern mich. Es ist zu viel, viel zu viel. Wahrscheinlich wäre es zu bewältigen, wenn da nicht diese Essstörung wäre, die so unheimlich viel Platz einnimmt, die mich zwingt, meine Gedanken ständig um Essen oder Nichtessen kreisen zu lassen, die mir keine Zeit lässt, richtig zu lernen, weil ich andauernd damit beschäftigt bin, mich mit irgendwelchen Lebensmitteln in riesigen Mengen vollzustopfen und anschliessend zu erbrechen. Ja, wäre ich nicht so krank, chronisch und akut zugleich, hätte ich bestimmt die Kraft für all das [mal davon abgesehen, dass ich dann ja auch keine Therapie mehr bräuchte]. Ich weiss es, sehe es ein, es ist mir bewusster als je zuvor. Und dennoch bin ich nicht in der Lage, die Krankheit loszulassen. Gestern hatte ich mein drittes Gruppengespräch in der Tagesklinik. Familienstrukturen. Und ich habe zu viel erzählt. Die Therapeutin ist jetzt überzeugt, dass meine Mutter mir nicht gut tut, dass ich, solange ich mit ihr unter einem Dach lebe, niemals eine Chance haben werde, meine Bulimie zumindest einzuschränken. Ich soll mir Gedanken machen, wie es weitergehen könnte. Im Klartext heisst das, ich soll mir eine eigene Wohnung suchen. Ja, gerne - und wer bezahlt das? Mir scheint es, als hätte die gute Frau einfach nicht verstanden, dass es keine Möglichkeit für mich gibt, von zu Hause auszuziehen, solange ich noch zur Schule gehe. Was ich von einer Wohngemeinschaft halte, hat sie mich gefragt. Keine Ahnung. Aber es ist auch unwichtig, denn auch ein Zimmer muss bezahlt werden. Und wir haben dieses Geld nicht. Es reicht gerade so, um am Ende des Monats nicht völlig im Minus zu sein. Das hört sich wahrscheinlich seltsam an wenn man bedenkt, dass ich immerhin eine Privatschule besuche und ein eigenes Pferd habe. Aber das geht alles nur, weil ich noch ein paar Jahre vom Staat unterstützt werde [Waisenrente - mein Vater ist ja seit sechs Jahren tot]. Und wie soll ich denn neben der Schule arbeiten gehen, wenn ich noch ein Pferd versorgen und vor allem eine durchaus nervige Therapie mitmachen muss? Womit wir auch schon beim nächsten Thema wären: die Therapie. Ich bin erst seit eineinhalb Wochen dort in Behandlung und habe schon absolut keine Lust mehr. Natürlich ist eine Therapie keine Lustfrage, aber sie zehrt dermassen an meinen nicht vorhandenen Kräften, dass ich einfach nicht mehr kann. Ich vermisse meine Psychiaterin [beziehungsweise die Gespräche mit ihr und vor allem die Tatsache, dass sie mich verstanden hat], bräuchte ihre Hilfe in dieser Situation, die man einmal mehr als suizidal bezeichnen muss. Na und? Es geht immer weiter. Ich weiss schon, wie ich es anstellen würde, wo und wann. Ich weiss, wem ich einen Abschiedsbrief schreiben würde und was dieser beinhalten würde. Ich weiss sogar, welches Lied auf meiner Beerdigung gespielt werden soll ['Leave Out All The Rest' von Linkin Park]. Sehr konkret also, aber ich habe auch seit fast fünf Monaten nicht mehr als zwei Stunden pro Nacht geschlafen, da bleibt eine Menge Zeit für solche Gedanken. Und es wären längst nicht mehr nur Gedanken, wenn da nicht ein gewisses, braunweiss geschecktes Pferd wäre, dem ich vor fast sechs Jahren einmal versprochen habe, ihn niemals, wirklich niemals alleine zu lassen. Ich halte nicht viel von Versprechen, wenn man sie mir gegenüber ausspricht, aber wenn ich jemandem etwas verspreche, halte ich es auch ein. Besonders wenn dieser jemand mein Pferd ist, der mich braucht, mir vertraut und mich wahrscheinlich als einziges Lebewesen auf diesem Planeten so tief und ehrlich kennt, wie ich bin. Wie könnte ich ihn da alleine zurücklassen? Nein, niemals. Dennoch sind diese Gedanken eben da, und ich kann nichts tun, damit sie verschwinden. Ich kann nicht mehr. Wirklich nicht. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich nicht, ob die Sonne scheint oder ob es regnet [und ich spüre auch keine Auswirkungen von Warm- oder Kaltfronten, um auf meine Geopgraphieprüfung zurückzukommen]. Es ist mir egal. wenn ich morgens aufstehe, weiss ich nicht mehr, welcher Wochentag mich erwartet [was ich allerdings schnell anhand der Schulbücher in meiner Tasche herausfinde - das Gedächtnis funktioniert noch]. Und wenn ich meine Mutter sehe, spüre ich weder Liebe noch Hass, nur ein leichter Schimmer von aufkommender Aggression. Aber selbst wenn sie mich mit ihren Standartsätzen wie 'du musst endlich etwas ändern' oder ' so kann es nicht weitergehen, du machst mich kaputt' nervt, bin ich zu müde, um wirklich wütend zu werden. Mein Gehirn schaltet einfach ab, und je nach dem, ob ich Zeit habe oder nicht, beginne ich zu fressen oder verlasse das Haus. Was für ein Leben! Ich sitze in der Schule, rede, lache, lerne mit meinem Mitschülern und kann mich selbst dabei beobachten, wie ich im Minutentakt nach der passenden Maske suche. Ich finde sie immer. Und das mit einer so hohen Treffsicherheit, dass es mich noch nicht einmal anstrengt. Das nicht. Aber alles andere. Jeder verdammte Atemzug ist mir zu viel. Ich kann nicht mehr. Und ich will auch nicht mehr. Nicht so, und anders auch nicht. Denn wenn ich eines begriffen habe, dann das, dass ich niemals gesund sein werde. Meine Essstörung ist nach neun Jahren chronifiziert, und selbst wenn sie irgendwann nicht mehr so akut sein sollte wie jetzt, dann wird sich daran trotzdem nichts ändern. Dieses Denken ist in mir, ist überall wo ich auch bin und lässt mich nicht mehr los. Und ich halte es nicht mehr aus. Zu viel, zu viel, zu viel. Ich will nicht mehr. Bin kaputt und leer und warte auf den Augenblick, in dem ich einfach zusammebreche. Vielleicht fände ich dann endlich etwas Ruhe.

24.3.09 12:51


.:Und so weiter:.

In etwas mehr als fünf Stunden klingelt mein Wecker. Eigentlich hätte ich morgen frei - eigentlich, wenn da nicht die Tagesklinik wäre. Freitags und montags finden nämlich die Gruppenstunden statt. Ich war am Montag schon da, und es war mehr als seltsam. Begonnen wird mit einer Entspannungsübung. Muskeln anspannen und wieder lösen. 'Spüren Sie, wie das angenehme Gefühl der Entspannung sich in ihrem Körper ausbreitet?' Nein, tue ich nicht. Mich macht das ganze nur nervös, so sehr, dass ich aufstehen und fünfzehn Mal ums Haus rennen könnte [und das heisst was - für solche Aktionen fehlt mir nämlich im Allgemeinen die Energie]. Aber ich will ja guten Willen zeigen. Klar will ich das, auch wenn ich die Gruppentherapeutin nicht mag. Dabei kann ich nicht einmal sagen, warum das so ist. Sie ist mir einfach unsympathisch. Das war sie schon, als ich sie beim medizinischen Vorgespräch vor ein paar Wochen zum ersten Mal auf dem Gang gesehen habe. Ist aber eigenltich auch egal, denn ab morgen übernimmt eine andere Psychologin die Essgestörtengruppe. Wobei das Wort 'Gruppe' vielleicht etwas übertrieben ist - zur Zeit sind wir zu zweit. Es sollen aber nächste Woche noch zwei neue Patientinnen dazu kommen. Die, mit der ich jetzt in der Gruppe bin, ist übrigens Bulimikerin [und normalgewichtig, was für mich nicht unwichtig ist. Ich würde mich nur schwer damit anfreunden können, wenn eine der anderen dünner wäre als ich. Ja, das ist gestört und total krank, aber so denke ich nun mal], seit zehn Jahren schon. Lange Zeit. Und da fällt mir auf, dass ich fast genauso lange krank bin. Neun Jahre. Auch eine lange Zeit. Seltsam, wie sehr mir das gerade auffällt. Am Mittwoch war der sechste Todestag von meinem Vater. Ich war fünfzehn, als er starb. Und gerade kommt es mir so vor, als sei es erst gestern gewesen. Aber was soll ich dazu schon sagen? Dass ich in der Schule plötzlich weinend im Unterricht sass? Dass niemand, am allerwenigstens ich selbst, wusste, warum ich so still war [ob man es glaubt oder nicht, aber ich bin in der Schule stets gut gelaunt und fröhlich - Masken und so]? Dass mein Mathelehrer mich besorgt fragte, was geschehen sei? Oder einfach, dass ich so gerne erzählt hätte, was meine sonst so glückliche Fassade zum Bröckeln bringt, es aber einfach nicht konnte? Ich weiss es nicht. Weiss auch nicht, warum ich nach sechs Jahren auf einmal weinen konnte. Seltsam, sehr seltsam. Ich habe noch nie geweint, wenn es um meinen Dad ging. Und jetzt plötzlich fühle ich mich so leer, so einsam. Obwohl er nie für mich da war. Egal. Ich will nicht weiter darüber nachdenken. Aber wo wir schon beim Thema 'Vermissen' sind: ich vermisse meine Therapeutin. Morgen hätte ich einen Termin bei ihr gehabt. Freitag. Stattdessen muss ich fremden Menschen erzählen, dass ich jeden Tag mehrfach gekotzt habe, dass ich den ganzen Tag gehungert und abends gefressen habe. Dass ich mich dabei noch nicht einmal sonderlich schlecht fühle. Dass ich mich mal wieder selbst verletzt habe. Dass ich mich trotzdem nicht mehr spüre. Dass mir das alles eigentlich völlig egal ist. Es ist nicht meine Art, solche Ausdrücke zu verwenden, aber scheiss drauf. Ich sollte wohl allmählich ins Bett. Wie gesagt, in fünf Stunden muss ich wieder aufstehen. Und so weiter.

20.3.09 02:04


.:Auf ein Neues:.

Eine ungewöhnliche Zeit für mich - mitten am Tag. Ich sitze gerade an einem der zwei uralten Schulrechner und versuche, mich nicht allzu sehr über die Tastatur aufzuregen. Wie auch immer, man gewöhnt sich an vieles. Aber darum geht es nicht.
Nächste Woche, am Montag um genauer zu sein, werde ich mal wieder einen neuen Therapieversuch starten. Nicht in einer 'richtigen' Klinik, sondern in einer Tagesklinik. Eigentlich ist es noch nicht mal eine normale Tagesklinik, sondern eher eine ambulante Intensivtherapie. Soll heissen, dass ich täglich in diesem medizinischen Zentrum sein werde, aber nicht länger als durchschnittlich drei Stunden. Was soll ich schon gross darüber erzählen - es gibt eben Gruppen-, Sport-, Ergo- und Einzeltherapie, dazu noch einige Tests und Selbstsicherheitstraining. Nichts besonderes. Oder doch? Was weiss ich. Ich bin ausserstande, irgendwelche Emotionen aufkommen zu lassen deswegen. Warum? Zu häufige Enttäuschung vielleicht, möglicherweise auch die Gewissheit tief im Innern, dass ich die Essstörung so oder so niemals ganz los werden kann. Oder will. Was auch immer. Das Übliche: sie gehört eben zu mir. Ja, eine Ausrede vielleicht. Und wenn nicht? Ist das so wichtig? Ich weiss es nicht. Ich weiss eigentlich gerade gar nichts mehr. Nur, dass in zwanzig Minuten der Unterricht weitergeht. Deutsch. Und dann werde ich wohl das tun, was ich seit ein paar Wochen wieder täglich tue: ab ins nächste Lebensmittelgeschäft [ist ja auch sehr praktisch, wenn man auf dem Weg nach Hause an ungefähr fünf solchen Läden vorbeikommt], Mengen einkaufen, von der drei Familien eine Woche lang leben könnten, zu Hause gemütlich alles verspeisen [und zwischendurch kotzen, weil selbst mein Magen irgendwann voll ist] und mich zum ersten Mal an diesem Tag entspannen. Es ist wirklich so; ich kann nicht mehr anders abschalten. Traurig. Aber was solls? Ich denke nicht weiter darüber nach, jedenfalls diese Woche noch nicht. Und danach? Danach wird ja alles anders, wie immer. Und dabei würde ich so gerne vergessen, dass nichts von alleine anders wird, sondern dass ich es ändern muss.

10.3.09 12:50


.:Nach dem Ende immer weiter:.

Mitten in der Nacht, und meine Gedanken kreisen, kreisen um Worte und Tatsachen, die mich schockieren und aufrütteln sollten, es aber nicht tun. Ich war am Montag bei meiner Hausärztin. Kaliummangel. Blutdruck zweiundfünfzig zu sechsundachtzig und ein Ruhepuls, der nur zwei Drittel so hoch ist, wie er sein sollte [achtundvierzig]. Anämie. Zu wenig Leukocyten. Und Herzrythmusstörungen. Die Auswertung des Elektrokardiogramms sollte mich erschrecken. Sie tut es nicht. Es ist hauptsächlich mein Verstand, der mich dazu veranlasst hat, gemeinsam mit meiner Therapeutin einen Klinikplatz zu suchen. Es ist nicht dieselbe Klinik wie beim letzten Mal [nie wieder!]. Ich werde die Schule nicht abbrechen müssen, denn es handelt sich um eine Nachtklinik. Das heisst, dass mindestens fünfzig Prozent Beschäftigung [Arbeit, Ausbildung, Schule, Studium] vorausgesetzt werden und die Betreuung am Abend stattfindet. Ich werde mich auch nicht ständig mit irgendwelchen seltsamen Therapien herumschlagen müssen ['Stellen Sie sich vor, sie würden mit einem Ball spielen. Werfen Sie ihn durch den Raum, legen Sie ihre negativen Emotionen in die Bewegung...'] und sonst den ganzen Tag nichts tun. Und was mir sehr wichtig ist: ich werde nicht nur von Essgestörten umgeben sein, die jeden Bissen des Gegenübers kontrollieren; es ist eine gemischte Station, die eher den Charakter einer Wohngemeinschaft hat. Trotzdem ist immer jemand von der Pflege und ein Arzt da und es finden regelmässig Gruppen- und Arztgespräche statt. Aber die eigentliche Psychotherapie kann ich bei meiner jetztigen Psychiaterin fortsetzen, was mir sehr wichtig ist. Es wird so seltsam sein, wieder mit anderen Menschen zu tun zu haben [obwohl man dort in Einzelzimmern wohnt].
Das hört sich so an, als stünde es schon fest, dass ich in diese Klinik gehe. Dem ist nicht so. Morgen werde ich sie mir erstmal ansehen und ein Vorgespräch haben, ausserdem lerne ich dann auch die anderen Patienten kennen. Und dann? Dann muss ich eine Entscheidung treffen, die mir von der Situation und meiner Unfähigkeit, zu Hause etwas zu verändern, eigentlich schon abgenommen wird. Aber ich will ja auch etwas ändern, wirklich. So geht es nicht mehr weiter. Ich kann nicht mehr. Wirklich nicht. Und wenn ich so weitermache, brauche ich nach den Ferien gar nicht erst in der Schule zu erscheinen. Was bleibt mir also? Nicht viel. Eigentlich gar nichts. Ich bin am Ende, und es geht doch weiter.

12.2.09 02:55


.:Endlos:.

Jeder Tag ein neuer Kampf. Ich muss gewinnen und will verlieren dürfen. Es ist zu viel für mich. Schlaflose Nächte, ruhelose Tage - ich will mich fallen lassen, einfach aufgeben. Unmöglich, ich muss stark sein. Und fühle mich so schwach. Es ist zu viel für mich. Ich will nicht mehr. Ich kann nicht mehr. Alles ausweglos, endlos.

25.1.09 03:48


.:Kämpfen bis zum Ende:.

Seltsam, welch wundersame Wirkung eine einfach Frage haben kann. Vor fast einer Woche bin ich in der Schule zusammengebrochen. Ich habe am selben Tag trotzdem weitergemacht wie bisher - essen, erbrechen, essen, erbrechen. Und zwei Tage später hatte ich einen Termin bei meiner Therapeutin. Sie hat mich gefragt, was noch passieren müsse, bis ich endlich bereit wäre, die Krankheit loszulassen. Ich fand keine Antwort. Sie wollte wissen, warum ich solche Angst vor einem Leben ohne diese extreme Essstörung habe. Weil ich dann meine kleine, überschaubare Welt aufgäbe, weil ich dann in der Realität leben müsste [und ich überzeugt bin, das nicht zu können], weil ich dann völlig hilflos im Chaos des wahren Lebens stünde und keine Ahnung hätte, wie ich überhaupt genug Sauerstoff finden sollte, um atmen zu können. Meine ehrliche Antwort. Meine Therapeutin hat mich darauf gefragt, was ich denn jetzt noch hätte, abgesehen von der Essstörung. Ich konnte nicht antworten. Nicht, weil ich Angst hatte, zu sprechen [das ist - bei ihr zumindest - zum Glück vorbei], sondern weil es nichts gab, was ich hätte sagen können. Und dann liefen mir die Tränen übers Gesicht. Es ist mindestens drei Ewigkeiten her, seit ich zum letzten Mal Tränen in meinen Augen gespürt habe. Aber dieser eine Satz hat mich so sehr aufgewühlt, so sehr zum Nachdenken angeregt wie selten etwas zuvor. Es ist wahr; ich habe nichts mehr ausser der Essstörung. Natürlich ist sind da noch mein Pferd, meine Familie, die Schule, mein Hund, aber das ist etwas anderes. Ich habe kein Leben mehr. Ich lache nicht mehr, will keine Menschen mehr sehen, kann nicht mehr schlafen, fühle mich ständig schwach und völlig am Ende. Aber ich bin essgestört. Toll. Ich sollte glücklich sein - jetzt habe ich das, was ich immer schon wollte [und am allermeisten, als ich es schon verloren hatte]; ich bin wieder dünn. Sehr dünn. Noch nicht lebensgefährlich, und auch nicht so sehr wie damals, als ich in die Klinik musste. Aber wenn ich so weitermache wie bisher, bin ich auf dem besten Weg dorthin [genau dorthin, wo ich niemals wieder hin wollte]. 
Als ich mich also endlich beruhigt hatte, sagte meine Therapeutin noch etwas, was mich endgültig emotional geweckt hat: wenn ich unter einen BMI von fünfzehnkommafünf falle, wird sie die Therapie mit mir nicht mehr fortsetzen können. Nicht, weil sie es nicht wollte, sondern weil es absolut verantwortungslos wäre, mich mit einem so tiefen Gewicht noch ambulant zu behandeln. Ich weiss, dass sie recht hat. Und ich weiss auch, dass sie es ernst meint [auch wenn sie sagte, dass sie sehr gern mit mir zusammenarbeitet und es sehr bedauern würde, wenn es so weit käme]. Dann haben wir besprochen, wie es nun weitergehen soll. Sie glaubt an mich, glaubt daran,  dass ich es schaffen kann, wieder zu essen [und nicht zu kotzen]. Ich sei stark und sehr intelligent, hat sie gesagt. Ja, vielleicht. Aber vor allem will ich wieder ein halbwegs lebenswertes Leben haben. Ich weiss, dass ich die Essstörung niemals ganz loswerden kann, aber ich will nicht mehr, dass sie mich so stark beeinflusst und jeden Tag aufs Genaueste bestimmt. Ich werde kämpfen. Langsam, erstmal das Gewicht halten. Und diese verdammte Aufbaunahrung trinken. Hochkalorisch. Ich könnte schon kotzen, wenn ich nur daran denke. Aber es geht nicht anders, denn mein Körper hat schon mit kleinsten Mengen an fester Nahrung zu kämpfen. Und meine Psyche erst recht. Kämpfen. Es geht nicht anders. Ich will meine Therapeutin nicht verlieren. Und ich will ihr bald antworten können, wenn sie fragt, was ausser der Essstörung ich denn noch habe.

19.1.09 21:16


.:Alles von vorne:.

Das neue Jahr ist nun schon zwei Wochen alt. Und vom Datum mal abgesehen, hat sich rein gar nichts geändert. Gut, ich hatte keine Vorsätze, keine besonderen Erwartungen an die neue Jahreszahl. Aber es erschreckt mich dennoch, dass alles so vollkommen monoton weitergeht. Gerade so, als wäre die Zeit irgendwie verloren gegangen. Was soll ich schon grossartig sagen? Ich höre seltsame Musik, bin müde, depressiv, suizidal [mal wieder]. Kurz: am Ende. Und doch geht es noch weiter. Das habe ich am Mittwoch schmerzlich feststellen müssen. Diese Woche hätte ich meine Promotionsprüfungen schreiben müssen. Am Dienstag ging das auch noch gut. Nur Englisch, kein Problem. Am Mittwoch dann Geographie und Geschichte. Erst Geographie. Mir ging es nicht gut. Ich hatte seit Wochen kaum geschlafen [ich schlafe zur Zeit nie mehr als neunzig Minuten pro Nacht - ein neuer Rekord, auf den ich nur zu gerne verzichten würde, aber nicht einmal das Schlafmittel, das ich für die Prüfungswoche verschrieben bekommen habe, hat gewirkt]. Meine Konzentration war im Eimer. Die Aufgaben habe ich nur verschwommen wahrgenommen. Dann wollte ich aufstehen, um die Prüfung abzugeben. Ich weiss nicht einmal mehr, wie viel ich überhaupt ausgefüllt habe, geschweige denn, worum es ging. Irgendwas mit Plattentektonik muss es gewesen sein. Ich habe also die Prüfung auf den Lehrertisch gelegt, ein oder zwei Schritte in Richtung Tür gemacht - und dann weiss ich nichts mehr. Alles war plötzlich schwarz, so wunderbar dunkel. Und ich konnte endlich, endlich schlafen. Oder war ich wach? Träumte ich nur? Realität, wo bist du? Kurz darauf war alles vorbei, ich wurde auf dem Boden des Schulzimmers wieder wach. Worte wie 'total abgenommen...', 'unglaublich dünn geworden...', '...isst nie' und 'oft krank... bleich... Essstörung vielleicht...?' haben mich zurückgeholt ins Jetzt.  Schade, ich hätte so gerne noch weitergeschlafen [angesichts der Übermüdung wäre es mir sogar egal gewesen, dass ich mitten in meiner Klasse auf dem Fussboden lag - das muss man sich mal vorstellen!]. Ich konnte meine Lehrerin jedenfalls gerade noch davon überzeugen, nicht den Krankenwagen zu rufen. Es war dummerweise genau die Lehrerin, die mich vergangene Woche schon angesprochen hatte und mir mit besorgtem Gesicht nahegelegt hat, doch etwas mehr zu essen [sie war so lieb, dass es mich nicht mal gestört hat]. Nun ja. Jedenfalls habe ich mich dann eine Weile hingesetzt, und dann gings mir bald besser. Geschichte habe ich dann aber trotzdem nicht mehr geschrieben. Werde ich auch nicht. Und die restlichen Prüfungen auch nicht. Ich habe mich dazu entschlossen, das Semester zu wiederholen. Durch all die Fehlstunden habe ich so viel Stoff verpasst, dass ich das unmöglich alles wieder aufarbeiten könnte. Es ist also besser so. Meine Mutter ist nicht begeistert, aber immerhin einverstanden [muss sie auch sein, da sie die Schule bezahlt]. Ihr habe nicht erzählt, dass ich zusammengebrochen bin. Ich lüge nicht gerne, aber es ist unnötig, dass sie sich noch mehr Sorgen macht.
Meiner Therapeutin habe ich es mitgeteilt - es lebe die elektronische Post. Sie war erschrocken, hat mir aber auch geschrieben, dass sie sowas in der Richtung befürchtet hat, zumal ich noch mehr abgenommen und in den letzten Wochen wirklich fast gar nicht geschlafen habe. Das allein wäre nicht so dramatisch, wäre da nicht diese verfluchte Bulimie [auch wenn es genau genommen keine Bulimie mehr ist, sondern Anorexia nervosa, purging type]. Ich erbreche alles, was ich zu mir nehme. Wirklich alles - auch drei Schlucke Wasser. Nicht, weil ich mit mittlerweile einbilde, Wasser habe Kalorien, sondern weil mein Körper dermassen kaputt ist, dass ich nichts mehr behalten kann. Das hat zur Folge, dass ich ständig durstig und total dehydriert bin, was mich zusätzlich schwächt. Immer wieder nehme ich mir vor, was sich wohl jede Bulimikerin schon mindestens tausend Mal vorgenommen hat: 'morgen wird alles anders'. Und immer wieder versage ich. Was dann folgt? Selbsthass. Abscheu. Selbstverletzung.
Und Suizidgedanken. Meine Therapeutin will, dass ich zum Arzt gehe. Andernfalls könne sie eine Therapie nicht mehr verantworten, hat sie mir geschrieben. Das allein ist der Grund, warum ich mich nun doch um einen Termin bemühen werde. Ich will sie nicht verlieren. Meine Gesundheit ist mir egal. Ja, ich könnte sterben. Einfach irgendwann tot im Bett liegen [oder mitten auf der Strasse zusammenbrechen]. Und? Es ist mir so egal. Ich kann nicht mehr. Und ich will nicht mehr.
Ob es nun gut oder schlecht ist, dass ich trotzdem muss, sei dahingestellt.

16.1.09 03:44


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