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.:Der freie Fall:.

Abgenommen. Schon wieder. Mein Tiefstgewicht ist nur noch sechskommadrei Kilogramm entfernt. Nicht, dass ich das erneut ansterben würde - niemals -, aber es erschreckt mich. Es ist noch gar nicht so lange her, da war ich fünfzehn Kilogramm von besagtem Gewicht entfernt. Neun Kilogramm abgenommen. In etwa zwei Monaten. Magersüchtig. Offiziell sozusagen. Und nun? Ich weiss es nicht. Meine Ärztin gab mir gestern eine Gnadenfrist bis Ende Januar; sollte ich weiter abnehmen, muss ich wieder jede Woche zum Wiegen vorbeikommen. Und zum Blutdruckmessen. Und zum Elektrokardiogramm. Meine Blutwerte sind nicht wirklich berauschend, mein Blutdruck ist viel zu tief. Das kommt mir alles so bekannt vor. Ich will das nicht mehr, aber irgendwie freue ich mich doch jeden Morgen, wenn die Waage weniger anzeigt. Natürlich, das ist die Krankheit in mir. Aber manchmal frage ich mich, ob ich überhaupt gesund werden will. Ich habe schreckliche Angst, dass mir etwas fehlen würde. Die Essstörung nimmt einen so grossen Teil meines Lebens ein, dass bestimmt eine immense Lücke entstehen würde, wenn ich sie aufgäbe. Zudem kommt diese absolute Panik davor, zuzunehmen. Ich habe es in diesem Jahr erlebt. Zugenommen, und das nicht zu gering [obwohl ich mich in Grund und Boden schäme bei dem Gedanken, muss ich mir doch eingestehen, dass es ganze sechzehnkommafünf Kilogramm waren zwischen meinem Tiefst- und meinem Höchstgewicht in diesem Jahr]. Und ich stand kurz vor dem Suizid, weil ich mich nicht mehr ertragen konnte. Ist es das wert? Selbsthass, Abscheu, Ekel und Suizidalität - nur für ein normales Gewicht? Sogar meine Therapeutin ist sich sicher, dass es mir jetzt besser geht als im Frühling, als ich 'dick' war. Nein, ich war nicht dick, jedenfalls nicht objektiv betrachtet. Ich hatte Normalgewicht, einen BodyMassIndex von etwas über zwanzig. Unterträglich für mich. Im Sommer sank das Gewicht, Anfang Herbst steig es wieder bis zum Höchstgewicht [gut, mein tatsächliches Höchstgewicht hatte ich mit etwa zwölf Jahren, und das lag noch etwa dreizehn Kilogramm höher]. Und dann wurde alles anders. Von heute auf morgen waren mein Körper und meine Seele sich einig, keine Nahrung mehr zu ertragen. Jedenfalls habe ich alles erbrochen, was ich gegessen habe - wirklich alles, auch einen einzigen Apfel. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Ich habe seit fast drei Monaten keine feste Nahrung mehr bei mir behalten [können]. Mein Magen verträgt nichts mehr. Wahrscheinlich ist es in wirklich meine Psyche, die es nicht aushalten kann, aber das Ergebnis ist dasselbe: ich habe abgenommen, und das nicht zu gering. Ich kann mich noch erinnern, es ist nun knapp zwei Monate her, da hatte ich zum ersten Mal seit Februar wieder Untergewicht. Ein herrliches Gefühl, wenn man essgestört denkt. Das war der Zeitpunkt, als ich angefangen habe, mich wieder wohl zu fühlen. Nicht ganz, aber allmählich immer mehr. Und drei Wochen später, vor fast genau einem Monat, war sie plötzlich wieder da - die Zahl auf der Waage, die 'Anorexie' bedeutet [natürlich beginnt sowas im Kopf, und meine Gedanken sind wohl seit neun Jahren anorektisch, aber medizinisch gesehen beginnt Magersucht erst ab einem BodyMassIndex von siebzehnkommafünf]. Ich hätte die Welt umarmen können. Ist das nicht bescheuert? Man liest eine Zahl ab, sieht, dass man genau da gelandet ist, wo man nie wieder hin sollte [ob ich auch nicht wollte, weiss ich nicht - die Sehnsucht war immer irgendwie da] und freut sich wie ein kleines Kind, das an Weihnachten die doppelte Anzahl Geschenke erhält. Krank ist das, absolut krank. Aber die Essstörung ist nun mal da, mitten in meinem Kopf, in meinen Gedanken. Und ich bezweifle, dass ich sie jemals loswerde [vor allem, weil ich das wohl nicht hundertprozentig will]. Sie seltsam, dass auch meine Therapeutin heute genau dasselbe sagte; nur ein Drittel aller Betroffenen werden wirklich gesund - der Rest bleibt chronisch essgestört oder stirbt. Und ich? Ich will nicht sterben, nicht mehr. Aber gesund werden will ich irgendwie auch nicht. Die Krankheit gehört zu mir, und ich habe es irgendwie akzeptiert, wie es ist. Also blieben mir nur noch die vierzig Prozent, die chronisch krank bleibt. Die Frage ist nur, ob man damit leben kann. Aber das ist eine andere Geschichte.
Noch eine andere Geschichte: Weihnachten. Ich werde nichts grossartiges dazu sagen, ganz einfach, weil es mich nicht interessiert. Natürlich, wir feiern [Zitat meiner Mutter: 'das muss man doch tun, jeder tut es schliesslich!' - und sie hat es ernst gemeint]. Aber ich bin emotional irgendwie eingefroren. Vielleicht, weil sich meine Gedanken nur ums Essen drehen. Vielleicht, weil ich mir früh abgewöhnt habe, mich über Weihnachten zu freuen. Und vielleicht auch, weil ich einfach nur panische Angst vor dem Weihnachtsessen morgen habe [ich verdränge, dass es eigentlich schon heute ist - man beachte die Uhrzeit]. Kann ich wirklich kotzen, wenn am Tisch Gäste sitzen, noch dazu zwei Kinder, deren Mutter selbst seit fünfundzwanzig Jahren phasenweise bulimisch ist? Meine Mutter würde mich wahrscheinlich höchstpersönlich umbringen, sobald der Besuch weg ist [solange der nämlich da ist, muss schön brav heile Familie gespielt werden]. Aber essen... und es im Magen behalten? Sind die denn alle wahnsinnig geworden? Das geht auf keinen Fall! Klar, es geht einfach deshalb nicht, weil ich nicht will. Aber was macht das schon für einen Unterschied?
Egal. Ich bin müde. Und morgen wird ein stressiger Tag. Ich habe das Weihnachtsgeschenk für meine Mutter noch nicht fertig. Ich muss das Dessert [Mousse au Chocolat] vorbereiten. Ich muss die Wohnung putzen [meine Mum arbeitet morgen]. Ich muss mein Pferd reiten. Ich muss mit meinem Hund raus. Ich muss um Punkt sieben Uhr perfekt [das bedeutet, dass ich irgendwie verstecken muss, dass ich ziemlich viel abgenommen habe, weil meine Mutter allen erzählt hat, ich sei seit der Klinik wieder gesund] aussehen und glücklich lächeln. Ich muss kotzen, wenn ich nur schon daran denke.
In diesem Sinne - fröhliche Festtagslüge.

24.12.08 01:47


.:Anorektisch:.

Es ist wieder so weit. Mein Body-Mass-Index liegt unter siebzehnkommafünf, ich gelte medizinisch gesehen als magersüchtig. Die magische Grenze, die ich so lange um jeden Preis wieder erreichen wollte; ich habe sie unterschritten. Und nun? Ja, ich bin dünn. Ich weiss es, ich spüre es, ich sehe es. Und trotzdem ist die Welt nicht in Ordnung [nicht, dass ich das erwartet hätte]. Ich bin nicht glücklich. Fühle mich zwar wohler in meinem Körper - ich kann nämlich erst jetzt überhaupt akzeptieren, dass ich tatsächlich einen Körper habe. Aber ich bin müde, kraftlos, ziemlich erschöpft. Dabei leiste ich nichts besonderes. Ich gehe zur Schule, nicht ganz so regelmässig, wie ich es tun sollte, aber immerhin. Und ich reite mein Pferd. Aber was ist das schon im Vergleich zu dem, was andere Menschen täglich schaffen? Eine Klassenkameradin von mir arbeitet neben der Schule hauptberuflich als Krankenschwester im Schichtdienst, sie hat kaum ein Wochenende frei. Und sie führt neben dem Lernen und dem Arbeiten auch noch eine glückliche Beziehung. Jemand anderes hat bereits drei Kinder [nicht erschrecken, sie ist auch mehr als doppelt so alt wie ich - ich besuche ja eine Erwachsenenschule] und arbeitet neben der Schule noch als Aushilfe im Supermarkt. Wie kann ich da sagen, dass mir alles zu viel wird? Ich leiste nichts im Vergleich zu anderen. Aber ich bin magersüchtig. Toll. Soll ich mir jetzt die Hand reichen? Was nützt mir das, wenn ich im Januar meine Zwischenprüfungen nicht bestehe, weil ich zu schwach war zum Lernen? Nichts. Denn meine Lehrer interessieren sich für meinen Kopf, nicht für meinen Körper, der mittlerweile mehr als acht Kilogramm leichter ist als nach den Herbstferien. Warum bin ich so sehr darauf fixiert? Ich weiss es nicht, auch nach neun Jahren Krankheit nicht. Wirklich nicht. Aber ich weiss, dass ich Angst habe. Verdammt viel Angst. Nun darf ich also wieder von mir sagen, ich habe Anorexie. Aber was ist, wenn es nun weiter bergab geht? So schnell wie letztes Jahr? Ich will nicht wieder vierzig Kilogramm wiegen. Ich will nicht wieder in eine Klinik. Nie wieder. Meine Mutter sieht mich bereits im Krankenhaus. Ich sähe schrecklich dünn aus, sagt sie. Ich könne so nicht weitermachen, sagt sie. Ich zerstöre mich und sie gleich mit, sagt sie. Ich sei wie mein Vater, sagt sie manchmal. Vielen Dank. Meine Mum hasst meinen Dad. Und ich bin wie er. Gut zu wissen. Oder auch nicht. Ja, sie hat es im Streit gesagt. Aber sie sagt es erschreckend oft in letzter Zeit [wir streiten uns auch erschreckend oft]. Und es tut weh. Auch wenn ich das nicht will, auch wenn ich versuche, mir einzureden, sie meine es nicht so. Und wenn doch? Dann müsste sie mich auch hassen. Nein, natürlich nicht - ich bin doch ihre Tochter. Und wenn ich wirklich alles kaputt mache? Ihr Leben genauso zerstöre wie mein eigenes? Dies sind nur Gedanken. Aber wo sind die Gefühle geblieben? Ausgekotzt. Verhungert. Tot. Einmal mehr. Denn mit der Anorexie kam auch diese ganz seltsame, andere Depression zurück. Ich kann nicht mehr sagen, ich sei traurig - ich fühle nichts mehr. Plötzlich. Oder bilde ich mir das ein? Ich weiss es nicht. Weiss gar nichts mehr. Nicht einmal, ob ich weiter abnehmen will. Klar, einerseits spornt mich diese Stimme in mir an, die Grenzen ein zweites Mal auszutesten. Hungern, immer weiter, immer mehr. Bis fast nichts mehr von mir übrig ist. Nein, ich kann das nicht tun. Meinetwegen mache ich mir keine Sorgen, es interessiert mich schlicht nicht, ob ich überleben würde. Aber was ist mit meinem Pferd? Ich darf ihn nicht alleine lassen. Er braucht mich. Und ich habe es ihm versprochen. Anorexie hin oder her - er ist wichtiger. Aber das ist eine andere Geschichte.
Ich werde diesen Eintrag für einmal ohne wirklichen Schluss beenden. Warum? Weil es für diesen Gedankensturm einfach kein Ende gibt. Noch nicht.

2.12.08 23:38


.:Winterzeit:.

Ich schliesse die schwere Tür hinter mir. Der vertraute Geruch steigt mir in die Nase. Die Pferdekörper wärmen den Stall ein wenig, aber dennoch sind meine Finger eiskalt.
Ein leises Wiehern ertönt aus der fünften Box. Ich erkenne hinter der dicken Holztür die braunen Ohren meines Ponies, die er aufmerksam auf mich gerichtet hat. Er kennt meine Schritte, scharrt ungeduldig mit den Hufen. Als ich Boxentür öffne, muss ich lächeln. Im Schopf meines kleinen Pferdes liegen weich gebettet unzählige Schneeflocken. Er muss draussen in seinem Auslauf gestanden haben, bevor ich kam. Liebevoll streckt er mir seinen Kopf in die Arme, und ich begrüsse ihn sanft. Dann drängt sich eine kalte Schnauze dazwischen - mein Hund will seinen Freund auch begrüssen. Übermütig springt er an meinem Pony hoch, leckt ihm rasch über die Nase. Der hübsche Schecke bleibt gelassen; er kennt die Eskapaden unseres überdrehten Begleiters.
Rasch ziehe ich das blaue Stallhalfter über die kleinen Ponyohren, kratze die Hufe aus und führe ihn schliesslich aus der Box. Umsichtig putze ich sein weiches Winterfell und bürste seine lange Mähne und den schönen, dichten Schweif. Wie ein braunweisser Eisbär sieht er aus mit seinem langen Winterfell. Mit geübten Griffen bringe ich die Gamaschen zum Schutz an den Ponybeinen an, darüber noch die Leuchtgamaschen - es ist fast dunkel draussen, und wir müssen erkennbar sein, wenn wir eine Strasse überqueren. Dann lege ich meinem kleinen Freund den schwarzen Sattel auf den Rücken, angle unter seinem Bauch nach dem breiten Ledergurt und ziehe ihn ins erste Loch, nicht zu eng am Anfang.  Jetzt schlüpfe ich in meine Termohose, stecke die gefütterten Reithandschuhe in die Jackentasche und bringe eine gelbe Stablampe an meinem linken Bein an. Dann wärme ich unter dem heissen Wasserstrahl die Trense und zäume mein Pferd schliesslich auf. Mein Hund springt bereits schwanzwedelnd um mich herum - er will wohl verhindern, dass ich ihn im Stall vergessen könnte. Natürlich ist das nicht der Fall - schliesslich gehört er fest dazu. Dann verlassen wir den Stall. In meiner linken Hand die Hundeleine, in der rechten die Lederzügel. Ich öffne die Stalltür, und mir fällt auf, dass es draussen doch viel kälter ist als im Stall. Aber das stört mich ausnahmsweise nicht, obwohl ich sonst immer friere.
Als mein Pferd in den Schnee tritt, schnaubt er aufgeregt. Es ist jeden Winter dasselbe Spiel: im ersten Schnee verhält er sich, als wäre es das erste Mal in seinem Leben, dass er die Welt in Weiss sieht. Auch mein Hund hüpft aufgeregt durch den Schnee, er zerrt ungeduldig an der Leine. Leise aber bestimmt rufe ich ihn zu mir. Dann ziehe ich die Steigbügel runter und sitze auf. Vorsichtig lasse ich mich in den Sattel sinken. Schon will mein Pferd losgehen, doch ich halte ihn sanft zurück. Erst noch den Sattelgurt festziehen, sonst liege ich beim ersten bereits neben ihm.
Dann endlich geht es los. Ich lege die Schenkel an. Unter den Ponyhufen  knirrscht der Schnee. Er senkt die Nase tief in die weisse Pracht und pflügt vergnügt den Weg. Schon wieder muss ich lachen - sein weisser Bart, als er die Nase wieder aus dem Schnee zieht, sieht zu komisch aus.
Nach etwa zwanzig Minuten erreichen wir einen Weg, der leicht bergauf geht - perfekt zum traben. Ich nehme die Zügel auf, mein Pferd beginnt sofort, auf der Trense zu kauen. Zufrieden senkt er den Kopf, dann gebe ich leichte Hilfen. Sofort geht das hübsche Scheckpony in einen zügigen Trab über. Mein Hund springt begeistert neben uns her. Am Ende des Weges drossle ich das Tempo und pariere schliesslich zum Schritt durch. Nach wenigen Minuten erreichen wir unsere Galoppstrecke. Mein Pferd drängt ungeduldig vorwärts - er kennt den Weg genau. Er zeiht den Kopf hoch, beginnt übermütig zu buckeln. Ich schüttle nur den Kopf und gebe ihm schliesslich die Zügel frei. Nach weiteren beeindruckenden Bocksprüngen galoppiert er schliesslich zügig durch den Schnee. Mein Hund hechelt bereits, aber er hält das Tempo problemlos. Der Schnee wird durch die Ponyhufe aufgewirbelt. In diesem Moment könnte ich schreien vor Glück. Stattdessen lache ich still in mich hinein und freue mich über den Augenblick. Die kräftigen Bewegungen meines Pferdes tragen mich weit weg in eine andere Welt. Fort von Schmerz und Angst, von Dunkelheit und Tränen. In diesen Sekunden zählt nur das Jetzt. Und ich bin glücklich. Auch noch, als wir nach mehr als zwei Stunden in den Stall zurückkehren. Und ich weiss plötzlich, wofür es sich zu leben lohnt. Danke.

24.11.08 00:23


.:Lichtblick:.

Ambivalenz in meinem Leben; in einer Sekunde gebe ich auf, denke an den Tod und daran, dass ich nicht mehr kann, will oder was auch immer. Und dann schmiede ich doch wieder Pläne, nehme mir vor, endlich zu kämpfen - gegen die Bulimie, gegen die Depressionen, gegen die Selbstverletzung, gegen den Wunsch, zu sterben. Allzu oft verschwinden diese Pläne im Nebel der Sinnlosigkeit, tauchen auf ewig im schwarzen Tränenmeer unter. Doch diesmal nicht. Es war Montag, als ich am Ende war. Wirklich am Ende. So sehr, dass ich mir bereits überlegt habe, was mit meinem Pferd geschehen wird, wenn ich tot bin. Nicht irgendwelche Hirngespinste, sondern beängstigend real. Und dann kam alles anders. Warum? Weil ich vieles bin, aber nicht dermassen egoistisch, dass ich mein Pferd und die Menschen, die mich lieben [auch wenn ich nicht verstehe, warum sie das tun], einfach im Stich lassen könnte. Egal, wie sehr ich mich hasse, wie tief ich gefallen bin und noch immer falle - ich kann nicht sterben. Noch nicht. Nachdem mir das klar geworden ist, sass ich in der Box meines Pferdes, spielte mit einem Strohhalm, schaute ihn lange und still - und ich weinte. Endlich. Seit... ich weiss nicht mehr wie lange es her ist. Aber ich habe geweint. Keine Ahnung, wie lange. Aber irgendwann waren da diese neuen Ideen. Denn fest steht, dass ich so nicht mehr weitermachen will, nicht mehr kann. Ich war drauf und dran, die Schule erneut abbrechen zu müssen. Habe zwei Wochen lang gefehlt. Weil ich nicht hingehen konnte. Es ging nicht, ich war zu teif in meinem Loch gefangen. Nein, das darf nicht sein - ich will doch zur Schule gehen, lernen. Und ich brauche etwas, wobei ich all meine Wut irgendwie loswerden kann. Nicht auf destruktive Weise, sondern sinnvoll. Hass rauslassen, aber nicht in Form von immer tieferen Schnitten in meinen Arm. Was kann ich tun? Der Wunsch ist nicht neu: Kickboxen. Mit meiner Mutter sprechen. Sie ist einverstanden. Hauptsache, es geschieht etwas, Hauptsache, es geht mir endlich besser. Natürlich glaube ich nicht, dass damit alle Probleme aus der Welt sind. Das wäre naiv, sehr sogar. Schliesslich bin ich krank und werde auch durch Kampfsport nicht gesund. Doch es ist eine Möglichkeit, den ganzen Hass und all die angestaute Wut in mir langsam rauszulassen. Und zwar so, dass es mir nicht schadet. Und ich habe beschlossen, wieder zur Schule zu gehen. Auch wenn es anstrengend ist, für mich viel mehr als für alle anderen in meiner Klasse. Nicht, weil ich Probleme mit dem Lernen oder dem Schulstoff habe und auch nicht, weil mir die Intelligenz fehlt, sondern weil ich jeden Tag kämpfen muss, um mich nicht zu verkriechen. Es ist für gesunde Menschen nicht vorstellbar, wie viel Kraft es mich kostet, trotz allem das Haus zu verlassen. So zu sein, wie alle anderen. Aber ich will es schaffen. Es ist mein Weg. Nun gut, der Entschluss stand also. Wie so oft schon. Das war am Montag. Doch diesmal war er am Dienstag Morgen noch da. Und ich bin aufgestanden. Müde zwar und irgendwie auch leicht panisch; wie werden die anderen reagieren? Ich war schliesslich mehr als zwei Wochen nicht da. Aber ich habe gewonnen. War in der Schule. Und meine Klasse war wie immer - freundlich, nett, aufgeschlossen. Natürlich hat eine gute Kollegin gefragt, wo ich war. Ich war krank. Stimmt schliesslich. Ich will nicht, dass jemand von meiner Essstörung weiss. Will keinen Sonderstatus mehr. Und heute war ich wieder in der Schule. Obwohl ich Angst hatte - wir haben eine grosse Geschichtsprüfung geschrieben, und ich habe viel zu wenig geschlafen. Aber das war egal. Ich habe die Prüfung geschrieben [es ging übrigens um die Französische Revolution, Napoleon und die Indstrielle Revolution] und es lief gut. Und ich weiss, dass ich morgen wieder hingehen werde. Und am Freitag, wenn wir eine Biologieprüfung und eine Chemieprüfung schreiben. Und nächste Woche. Und bis zu den Ferien. Und nach den Ferien. Ich will. Ich werde kämpfen. Und nächste Woche habe ich ein Probetraining in der Kampfsportschule. Am letzten Novemberwochenende fahre ich mit meiner Mutter nach Innsbruck zum Weihnachtsmarkt. Ein Stück Kindheit, ein Stück Leben. Die Woche darauf reite ich ein Turnier. Das Letzte in diesem Jahr. Dann wird es in der Schule erstmal ruhiger. Nicht lange. Aber das macht nichts. Ich werde lernen, mit dem Stress und der Angst umzugehen. Was bleibt mir auch anderes übrig? Suizid ist [noch] keine Alternative. Es gibt nur das grosse Leben, die Welt da draussen. Sie braucht mich vielleicht nicht. Aber ich habe ein Anrecht auf einen Platz in ihr. Und ich werde ihn mir zurückholen. Jetzt. Der erste Tag war gestern. Und es geht weiter. Ein Lichtblick nach den dunklen Tagen. Für wie lange? Ich weiss es nicht. Aber jeder Winter endet irgendwann, egal wie hart er auch ist.

20.11.08 01:52


.:Alles umsonst:.

Es geht so nicht mehr weiter. Ich bin am Ende, körperlich und auch psychisch. Die Essstörung nimmt immer mehr Platz in meinem 'Leben' ein. Leben - es ist eigentlich keines. Fressen, kotzen, hungern, Abführmittel schlucken. Und dünner werden. Tatsächlich. Ich habe wieder Untergewicht. Nicht sonderlich viel, aber immerhin. Nicht mehr normal sein. Ich war schon vorher nicht normal. Wieso ist es mir nur so verdammt wichtig, mich über eine belanglose Zahl auf der Waage definieren zu können? Man sollte meinen, ein Mensch sei mehr wert als digitale Ziffern, doch in meinem Denken und auf mich bezogen gelten andere Regeln. Warum jetzt wieder? Ich war schon so weit, jedenfalls viel weiter als ich es jetzt bin. Doch nun scheint es, als wäre alles umsonst gewesen. Ich bin nur noch die Krankheit. Anorexie? Noch nicht. Bulimie? Nicht mehr ganz. Schwierige Zeit, wenn man sich nicht findet. Ich wünschte, ich wäre Schauspielerin. Dann könnte ich eine meiner Masken aufsetzen und wäre für den Moment auf der Bühne jemand. Egal wer, eine Rolle, aber immerhin. Ich wäre da. Doch ich bin bloss Schülerin. Überfordert, obwohl ich den Stoff eigentlich könnte. Das Problem ist nicht mangelnde Intelligenz, sondern mangelnde Kraft und nicht vorhandene Gesundheit. Aber das ist eine andere Geschichte.

14.11.08 01:57


.:Und jeden Tag ein bisschen stärker:.

Ich lebe nicht noch. Ich lebe wieder. Besuche wieder regelmässig die Schule, gehreite täglich mein Pferd [gut, wenigstens das habe ich auch vorher schon hinbekommen], trainiere und nehme an Turnieren teil. Ich kämpfe gegen die Bulimie und bleibe tatsächlich immer öfter stark. Ich gehe einmal pro Woche zur Therapie und beginne endlich, nach mehr als einem Jahr, über die Vergangenheit zu sprechen. Meine Psychiaterin und ich erkennen Zusammenhänge, finden Erklärungen. Nicht für alles, aber das ist auch nicht nötig. Von zentraler Bedeutung ist nur, dass ich wirklich das Gefühl habe, verstanden zu werden. Ich vertraue meiner Therapeutin mein Leben an und weiss, dass ich nicht enttäuscht werde. Ich muss nichts leisten, nicht besonders gut sein in irgendwas, damit ich anerkannt werde. Ein erstaunliches Gefühl. Und noch viel erstaunlicher: ich darf Schwäche zeigen. Ich muss nicht perfekt sein, nicht auf alles eine Antwort wissen. Der Himmel auf Erden. Das gilt zwar nur für die Therapie, aber ich arbeite daran, dass ich es auch auf meine eigenen Ansprüche übertragen kann. Das braucht noch Zeit, sehr, sehr viel Zeit. Und ganz ablegen werde ich meinen Perfektionismus wohl nie. Aber ich will mich irgendwann nicht mehr von ihm bestimmen lassen. Noch ist es ein weiter Weg. Aber ich gehe ihn. Und werde jeden Tag ein bisschen stärker.

3.11.08 23:34


.:Neuanfang:.

Morgen fängt die Schule wieder an. Ich werde neue Gesichter sehen, neue Lehrer und neue Schüler. Ich werde wieder lernen müssen, mit Menschen umzugehen. Und ich weiss, dass es mir schwer fallen wird. Denn für diese Situation reichen Masken nicht aus - ich muss mit einer völlig fremden Klassenlehrerin sprechen, sprechen über das, was mein Leben bestimmt; die Essstörung. Warum ich das tun muss? Weil ich nicht weiss, ob ich die Kraft haben werde, jeden Tag zum Unterricht zu erscheinen, weil ich vielleicht irgendwann früher gehen muss, um einen Arzttermin einzuhalten oder zur Therapie zu erscheinen. Und ich will nicht, dass in meinem Semesterzeugnis lauter unentschuldigte Fehlstunden stehen. Es bleibt mir also nichts anderes übrig, als die Wahrheit auszusprechen. Ich habe Bulimie. Drei kleine Worte. Eine einzige, riesengrosse Überwindung. Doch ich habe keine Wahl. Jedenfalls halte ich es für das Beste. Meine Therapeutin ist der gleichen Meinung. Denn ich werde es nicht schaffen, von heute auf morgen mit den Fressattacken aufzuhören. Und ich werde es auch nicht schaffen, jeden Morgen aufzustehen und zur Schule zu gehen. So realistisch muss ich sein - denn wenn ich mir von morgen an alles abverlangen würde, ginge der Schuss nach hinten los. So gut kenne ich mich mittlerweile - es wäre zu viel Druck. Und wie ich darauf reagiere, weiss ich nur zu gut; mit noch mehr Essanfällen und noch mehr Erbrechen, was wiederum zu noch mehr Druck führt, weil dadurch zu gar nichts mehr komme. Es geht also nicht anders - ich muss mir Zeit lassen. Nicht unbegrenzt viel, und ich werde mein Möglichstes tun, um täglich zum Unterricht zu erscheinen. Meine Psychiaterin sagte in der letzten Sitzung, ich solle mich fordern, aber nicht überfordern. Damit hat sie den Nagel auf den Kopf getroffen. Wie so oft. Es wird also morgen einen Neuanfang geben. Erstmal nur auf die Schule bezogen. Und dann vielleicht auch, was meine Essstörung betrifft. Aber alles zu seiner Zeit.

20.10.08 21:49


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