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.:Die ersten Worte:.

Es ist geschafft - die Kontaktsperre ist vorbei, ich habe wieder einen Bezug zur Aussenwelt. Was soll ich nun grossartig schreiben? Wie es mir geht? Gut eigentlich, die Klinik ist erträglich, die Mitpatientinnen ebenfalls. Mehr noch - in den letzten zwei Wochen hat sich zu einer Mitbewohnerin sowas wie eine Freundschaft entwickelt. Wahrscheinlich ist es noch etwas früh, um dieses grosse Wort dafür zu verwenden, aber ich bin zuversichtlich. Ich kann mit Überzeugung sagen, dass es mir gut geht. Mit dem Essen komme ich einigermassen klar, nur die Butter zum Frühstück werde ich wohl bis am Schluss weglassen - ich mag das Zeug einfach nicht. Ansonsten kann ich aber ein wenig stolz auf mich sein, immerhin esse ich hier, und das ganz ohne erbrechen [was übrigens einen Auschluss aus der Therapie zur Folge hätte]. Die Selbstverletzung habe ich nicht ganz so gut im Griff, es ist in den letzten zwölf Tagen zweimal vorgekommen, dass ich zur Klinge gegriffen habe. Aber das nur am Rande. Heute war seit langem der schönste Tag überhaupt. Meine Eltern haben mich abgeholt, dann sind wir nach Hause gefahren, ich habe noch einige Dinge eingepackt, und dann konnte mich nichts mehr halten - ab in den Stall zu meinem Pferd! Er hat sich wahnsinnig gefreut, mich wiederzusehen, hat mich wiehernd begrüsst. Ein schönes Gefühl. Morgen werde ich ihn erneut besuchen. Wo ich gerade von schönen Gefühlen spreche: ich habe mich unheimlich gefreut, als ich eben die vielen Kommentare zu meinem letzten Eintrag gelesen habe. Ich bin euch sehr dankbar, dass ihr alle an mich gedacht habt. Nun sitze ich hier vor dem Klinikrechner und weiss nicht recht, was ich schreiben soll. Hinzu kommt, dass ich mich bei jedem zweiten Wort vertippe, weil ich die normale Tastatur nicht mehr gewohnt bin. Aber das ist eine Nebensache. Was soll ich noch erzählen? Von all den Therapien vielleicht? Nun, das Programm ist reichlich voll - Bewegungstherapie einzlen und in der Gruppe, Körperwahrnehmung im Wasser, Kreativtherapie einzeln und in der Gruppe, Psychodidaktit, Gruppengespräche und Einzelgespräche mit meiner Therapeutin [die übrigens wirklich dieselbe ist wie bei meinem letzen Aufenthalt]. Oder von all den Personen, die mir hier begegnen? Da wären die zehn Mitpatientinnen, die Betreuer, meine Therapeutin, die Ärzte von der medizinischen Abteilung und die Oberärztin der Station. Langweilig wird es hier nur manchmal in der Zimmerstunde am Nachmittag, wenn wir zur Ruhe kommen sollen. Das bedeutet, dass wir von halb zwei bis fünf Uhr auf unseren Zimmern bleiben, mit einem Unterbruch für eine Zwischenmahlzeit um drei Uhr. Oder von den Mahlzeiten, wenn wir schon dabei sind? Es gibt drei Hauptmahlzeiten und drei Zwischenmahlzeiten, worauf ich bestimmt an einem anderen Tag noch ausführlicher eingehen werde. Für den Moment bin ich einfach nur müde und erschöpft von diesem wunderschönen Tag heute. Bestimmt melde ich mich morgen oder spätestens übermorgen wieder, doch jetzt möchte ich mich nur noch hinlegen und etwas ausruhen. Morgen werde ich schliesslich wieder mein Pferd besuchen. Ich freue mich schon jetzt. Noch einmal vielen Dank für eure lieben Kommentare. Ich bin glücklich darüber, dass so viele Menschen an mich gedacht haben und mir alles Gute wünschen. Dies waren sie also - meine ersten Worte aus der psychiatrischen Klinik.

9.2.08 19:42


.:Wochenende:.

Hier sitze ich nun, gerade zurück von einem dreissigminütigen Spaziergang durch die Universitätsstadt Zürich. Meine Mum hat mich abgeholt, weil ich heute und gestern ja nur in Begleitung nach draussen durfte. Es war schön, wenn auch ziemlich kalt. Seltsamerweise fällt es mir gerade schwer, die richtigen Worte zu finden. Es geht mir gut, jedenfalls glaube ich das. Das Abendessen war nicht wirklich erfolgreich, weil ich das Gericht nicht mochte. Die Hàlfte ist deswegen wieder auf dem Teller liegen geblieben. Aber davon will ich mir den wunderschönen Tag nicht verderben lassen Ich war heute Nachmittag im Stall und habe mein Pferd longiert. Er ging wunderbar, wenn auch ziemlich überdreht. Ich konnte mir einige Male das Lachen nicht verkneifen, wenn er seine typischen Bocksprünge vollführt hat. Er hat mir sehr gefehlt während den letzten zwölf Tagen. So sehr, dass ich manchmal sogar daran gedacht habe, die Therapie erneut abzubrechen. Aber davon bin ich nun weit entfernt, auch wenn ich am liebsten mit Mum nach Hause gefahern wäre, als sie sich eben verabschiedet hat. Doch das sind nur Gedankensprünge, weiter nichts. Ich weiss, dass ich meine Chance hier nutzen muss, um gesund zu werden, denn anders als hier, in der psychiatrischen Klinik geht es nicht. Wenn ich irgendwann leben will, dann muss ich hier den ersten Schritt dazu gehen. Dass zunehmen dazu gehört, will mir allerdings noch nicht so wirklich in den Kopf - ich fühle mich derzeit eigentlich recht wohl in meinem Körper, ein ganz neues Gefühl. Ich bin immerhin schon davon weggekommen, weiter abnehmen zu wollen, auch wenn die Verlockung manchmal ziemlich gross ist. Die Krankheit ruft mir dann zu, wie dünn ich sein könnte, wenn ich nur das Essen wieder wegliesse - doch ich lerne allmählich, stärker zu sein als diese innere Stimme, die mich andauernd zu verführen versucht. Nein, ich will ihr nicht mehr nachgeben. Nur zunehmen will ich eigentlich auch nicht, denn mit meinem momentanen Gewicht von achtundvierzigkommedrei Kilogramm fühle ich mich wohl. Obwohl mit bis zu meinem vorgeschriebenen Zielgewicht nur noch vier Kilogramm fehlen, habe ich das Gefühl, es sei ein unendlich grosser Schritt bis dahin. Besonders beängstigend ist die Fünfzigergrenze. Ich kann mich einfach nicht damit anfreunden. Normalgewicht - es hört sich nach nichts Besonderem an, nach Gewöhnlichsein. Natürlich weiss ich, dass das nur die Anorexie in mir ist, die mir einredet, nur mit Untergewicht etwas Besonderes, überhaupt etwas zu sein. Ich kann noch viel mehr als nur hungern und erbrechen, und ich bin weit mehr wert als eine Zahl auf der Waage - ich weiss das, und ich spüre, dass die gesunde Seite in mir immer stärker an mich appelliert, damit ich auch daran glauben lerne. Ich werde es irgendwann schaffen, vielleicht. Doch bis dahin wird es noch ein langer Weg sein mit vielen Rückschlägen und Tränen. Aber unöglich ist es nicht. Wofür es sich lohnt, habe ich an diesem Wochenende erneut hautnah erleben dürfen - für mein Pferd, für meine Familie, für mein Leben, für mich.

10.2.08 19:57


.:Krisenstimmung:.

Nachmittag, kurz vor der nächsten Zwischenmahlzeit [die steht um drei Uhr an]. Und ich sitze mit Tränen in den Augen vor dem Bildschirm. Warum? Ich kann nicht mehr, fühle mich eingesperrt und gefangen in mir selbst. Ich will nach Hause, würde am liebsten alles abbrechen und verschwinden - genau so wie vor vier Monaten. Und dann? Dann würde alles genauso weitergehen wie damals, ich würde fressen und kotzen [entschuldigt die unschöne Wortwahl, aber sowas kann man nicht beschönigen] und mich hassen. Nein, ich kann nicht nach Hause. Ich muss hier bleiben. Ich muss einfach. Es gibt keinen anderen Weg, um gesund zu werden. Doch gerade bin ich mir nicht mehr so sicher, ob das wirklich will. Ich habe abgenommen und freue mich darüber, obwohl es falsch ist. Ich habe kaum zu Mittag gegessen und geniesse das Hungergefühl. Es sollte doch nicht so sein, nie wieder wollte ich dieses Gedankengut an mich heranlassen, wollte es für immer aus meinem Kopf verbannen. Ich brauche wohl nicht Zeit, Rückschläge sind völlig normal, besoners in der Anfangsphase einer Therapie - ja, natürlich, alles wahre Worte. Doch mein Denkmuste sieht anders aus - alles oder nichts, etwas zwischendurch gibt es in meinem kranken Kopf nicht. Erschwerend kommt hinzu, dass ich nicht mit meiner Ärztin über meine Gedanken sprechen kann, weil sie seit einer Woche und für diese Woche krank geschrieben ist. Toll, eine Psychotherapie ohne Psychiaterin. Zudem haben wir heute erfahren, dass sie auf Ende März gekündigt hat. Das bedeutet, dass ich gezwungen sein werde, meine Geschichte ein weiteres Mal zu erzählen. Noch einmal in die Vergangenheit zurück, noch einmal diese Angst erleben, noch einmal nicht schlafen könne. Und noch einmal Vertrauen fassen müssen in eine fremde Person. Ich will nicht mehr, kann zur Zeit auch einfach nicht mehr. Das hier ist mir zu viel, ich ertrage die Situation nicht mehr. Fühle mich wie mein eigener Gefängniswärter, und ich sperre mich mehr und mehr ein, verliere mich hinter von mir errichteten Mauern. 
'...Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf - dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannter Stille
und hört ihm Herzen auf zu sein.'
Ein Zitat aus Rainer Maria Rilkes Gedicht 'Der Panther' - und ich könnte es nicht treffender beschreiben. Seine Worte drücken genau das aus, was ich momentan fühle. Auch wenn das nur eine normale Krise ist, auch wenn es allen so ging wie mir jetzt - was hilft mir das schon für den Momet? Nichts, traurig aber wahr. Ich liebe dieses Gedicht, so sehr, dass es an der Pinnwand in meinem Klinikzimmer hängt. Und irgendwie beruhigt es mich. Jetzt, in meine Krisenstimmung. Ich bin nicht allein. Auch wenn ich mich nie einsamer fühlte.

12.2.08 14:58


.:Eingesperrt:.

Wieder ein Nachmittag, an dem ich hier sitze und nicht weiss, was ich mit mir anfangen soll. Wir dürfen die Station nur morgens und abends verlassen, doch jetzt bin ich hier gefangen. Auch wenn ich den Ausgang und die Freizeit als sehr grosszügig empfinde [ich habe von Kliniken gehört, in denen die Patienten nur für dreissig Minuten täglich nach draussen dürfen], fühle ich mich eingesperrt, in Fesseln gelegt, die zu sprengen ich nicht in der Lage bin. Zudem kann ich meine Zimmergenossin absolut nicht leiden, was wohl damit zu tun hat, dass ich sie heute Morgen dabei erwischt habe, wie sie in meiner Nachttischschublade herumgewühlt hat. Ich hätte sie erwürgen [oder ähnliches mit ihr anstellen] können, selten zuvor war ich so wütend auf jemand anderen als mich selbst. Aber was tue ich stattdessen? Genau. Ich schweige. Schlucke den Ärger hinuter, gehe dem direkten Gespräch aus dem Weg und versuche, mich anderwertig abzureagieren. Bravo, Gratulation - wenn ich heute Abend der im Bauch wegen nicht essen können werde, habe ich das Ziel erreicht. Ich könnte mich gerade ebenso erhängen [oder anliches, wie gesagt] wie meine Mitbewohnerin. An dieser Stelle beende ich den kurzen Beitrag besser, bevor mir der Kragen endgültig platzt. Ich glaube, selten so wütend gewesen zu sein, besonders nicht auf andere Menschen. Seltsam, doch irgendwie verstärkt dieser Vorfall das Gefühl des Eingesperrtseins noch zusätzlich. Ich kann ihr nicht mehr vertrauen, weiss nicht, was sie mit meinen Sachen anstellt, wenn ich nicht da bin. Ich könnte heulen - doch was würde das schon ändern? Nichts, ich bleibe gefangen. Eingesperrt in einem Gefängnis, in das ich mich freiwillig begeben habe.

13.2.08 14:46


.:Streitgespräch:.

Ich komme gerade von einem Gespräch mit meiner kleptomanischen Zimmernachbarin und einer Betreuerin. Leider fehlen mir die Nerven, um ausführlich davon zu berichten, deshalb eine Kurzfassung.
Ich habe sie auf den Vorfall von Mittwoch angesprochen, sie hat zugegen, schon öfter in meinen Schubladen herumgestöbert zu haben, ich wäre beinahe an die Decke gesprungen, die Betreuerin hat mich halbwegs auf den Boden zurückgeholt, ich habe einen Zimmerwechsel verlangt [weil ich keine ruhige Minute mehr habe, wenn ich nich auf dem Zimmer bin], die Betreuerin meinte, dass das nicht so schnell möglich sei, sie müsse erst mit der leitenden Oberärztin sprechen, ich bin erneut die Wände hochgegangen, sie hat mich erneut beruhigt, meine Zimmernachbarin hat geschwiegen, betretene Stille im Raum, dann hat meine Mitbewohnerin eingeräumt, dass die halbe Station schon von ihren Beutezügen in meinen Sachen weiss, weil sie ein schlechtes Gewissen hatte und 'es jemandem erzählen musste' - ganz toll, kein Mensch hat mir auch nur ein Wort davon gesagt, obwohl mindestens vier weitere Personen davon wussten, ich habe zum dritten Mal einen Höhenflug durch den Raum unternommen, die Betreuerin hat mich - diesmal erfolgslos - wieder zu beruhigen versucht, erneute Stille, Gesprächsende.
Das wars. Ich werde also vorerst mit dieser ausgesprochen aufrichtigen Persönlichkeit das Zimmer teilen müssen und weiterhin keine ruhige Minute haben. Sind das nicht wundervolle Voraussetzungen, um sich in einer Gruppe wohl zu fühlen? Die ganze Gruppe hängt mir ohnehin zum Hals heraus, ich kann und will diese Leute nicht mehr sehen. Abgesehen von einer einzigen Mitpatientin, mit der ich mich wirklich gut verstehe, könnte ich den ganzen Haufen ohne Rückfahrschein auf den Mond schiessen. Das geht sogar so weit, dass ich bereits mit dem Gedanken spiele, die Therapie ein zweites Mal abzubrechen - ich halte die Situatoin und all die Vorwürfe zu meinem Essverhalten nicht mehr aus. Jeden Tag höre ich dieselben Ermahnungen, ich solle doch alles essen, nicht ständig die Butter weglassen, ich müsse ja schliesslich zunehmen - die lieben Leute scheinen vergessen zu haben, dass ich wegen Anorexie und Bulimie in Behandlung bin, nicht wegen Alzheimer. Wie dem auch sei, dieser Eintrag hier hat mir gut getan - wo sonst könnte ich ordentlich Dampf ablassen? Und wenn wir schon dabei sind: ich durfte mir heute im Gruppengespräch anhören, dass es falsch sei, wenn ich meine Mum so oft sehe, ich solle doch besser etwas mit Freunden unternehmen. Wie gut, dass all die Mitpatinetinnen hier keine anderen Sorgen zu haben scheinen. Ich glaube mir Recht, selten so wütend gewesen zu sein. Aber belassen wir es vorerst dabei. Ich bin aufgewühlt, um noch weitere Details ans Licht der elektronischen Welt zu bringen. Das hier reicht. Mein Streitgespräch.

15.2.08 15:08


.:Und jetzt:.

Nun ist es definitiv: ich darf das Zimmer nicht wechlsen, es bleibt alles beim alten und die liebe Kleptomanin wird keinerlei Konsequenzen zu tragen haben. Nichts geschieht - ich solle ihr eben aus dem Weg gehen. Die lieben Herren und Frauen Betreuer haben wohl vergessen, dass wir uns etwas mehr als vierzehn Quadratmeter teilen müssen.  Aus dem Weg gehen. Ich kann doch meine ganzen Wertsachen nicht einfach einschliessen, ich kann aber auch nicht ständig auf dem Zimmer bleiben und aufpassen. Ich könnte schreien, selten war ich so wütend. Und ein Therapieabbruch rückt in immer nähere Zukunft. Ich kann nicht mehr, es ist einfach nicht der richtige Ort für mich. Ich will kämpfen, ja, aber ich bin eine Einzelkämpferin, und Gruppendruck prallt an mir wie ein Regentropfen am Fenster. Mir scheint vor diesem Hintergrund eine Gruppentherapie einfach der falsche Weg für mich zu sein. Gestern habe ich noch lange mit meiner Mum darüber gesprochen, und sie ist völlig auf meiner Seite. Ein beruhigendes Gefühl, zu wissen, dass ich jederzeit nach Hause kommen dürfte, wenn ich es denn gar nicht mehr aushalten sollte. Trotzdem will ich ihr das irgendwie nicht antun, nicht jetzt schon. Das hat sie nicht verdient. Und sie weiss genauso gut wie ich, dass ich zu Hause nach spätestens einer Woche wieder in mein altes Muster zurückfallen würde; schlafen - aufstehen - hungern - fressen - kotzen - schlafen - fernsehen - fressen - kotzen - schlafen - fernsehen - schlafen. Sehr abwechslungsreicht, und vor allem so wahnsinnig gesund und lebensspendend. Aber Ironie beiseite - ich kann zur Zeit noch nicht verschwinden, denn falls ich tatsächlich ein zweites Mal die Therapie abbrechen sollte, werde ich es diesmal nicht überstürzt tun, sondern nur mit einer brauchbaren Alternative in Aussicht. Und da ich eine solche momenta nicht aus dem Ärmel schütteln kann, werde ich wohl oder übel hier bleiben, all die Mahlzeiten halbwegs über mich ergehen lassen, ebenso die verschiedenen Therapien, von denen mir keine weiterhilft [vom Einzelgespräch mal abgesehen]. Was bleibt mir denn nun anderes, als die Mitbewohnerin einfach irgendwie zu ertragen, ebenso die Situation? Nichts, denn jede Kurzschlussreaktion würde nur dazu führen, dass sie mich besiegt hat. Falls ihr jetzt denkt, ich meine die Zimmernachbarin mit 'sie' - Irrtum. Ich spreche von der Krankheit. Eine verlogene Kleptomanin kann mich ohnehin nicht besiegen, und ein möglicher Klinikaustritt wird auf keinen Fall von ihr oder dem Rest der Gruppe abängen, sondern lediglich davon, ob ich mich hier wohl fühle, ob ich in dieser Therapieform eine Chance für mich sehe, gesund zu werden. Aber noch sitze ich hier, warte auf das Mittagessen, auf das ich heute lieber verzichten würde und bin verzweifelt. Und jetzt?

16.2.08 11:36


.:Problemverschiebung:.

Der See glitzert, wenn die Sonne ihre kräftigen Strahlen auf das Wasser scheinen lässt. Ein schöner Anblick, den ich eben geniessen durfte. Ich war mit meinen Eltern für eine Stunde spazieren. Heute Nachmittag holen sie mich wieder ab, dann werde ich mein Pferd reiten - verbotenerweise versteht sich. Eigentlich habe ich ein absolutes Sportverbot, weil ich erstens so wenig Energie wie möglich verbrauchen soll und zweitens die Krankenkasse einen Unfall nicht bezahlen würde, solange ich stationär in Behandlung bin. Die Sturzgefahr ist allerdings sehr gering [ich kenne mein Pferd nun seit sechs Jahren und bin noch nicht ein einziges Mal gestürzt], und der Energieverbrauch ist für mich noch immer positiv; ich weiss zwar, dass ich zunehmen muss, doch je mehr ich esse, desto mehr Energie will ich auch wieder verbrennen. Ein Teufelskreis, doch ich weiss oft nicht, wohin mit meiner neuen Kraft. Erstaunlich, wie schnell sich der Körper von einer Hungerzeit erholen kann, wenn man ihm nur täglich ausreichend [oder wenigstens beinahe ausreichend] Nahrung zugesteht. Immerhin bin ich nun seit etwa acht Jahren krank, und nach nur drei Wochen fühle ich mich schon um einiges besser. So gesehen hat der stationäre Aufenthalt schon auch seine positiven Seiten - ich kann mich nicht erinnern, jemals so voller Energie gewesen zu sein wie jetzt. Das alles ist aber dennoch irgendwie beängstigend. Was, wenn mein Bewegungsdrang in einer Sportsucht endet? So abwägig ist dieser Gedanke jedenfalls nicht, ich wäre schliesslich  nicht die erste, die nach einer langen Zeit der Anorexie wieder normal isst, die Energie aber sofort wieder verbrennen muss. Ja, muss - wir gehen schliesslich nicht aus freiem Willen und Freude an der klirrenden Kälte stundenlang spazieren und auch nicht, weil ein Verdauungsspaziergang so gesund ist. Wir haben ausschliesslich das Ziel, Kalorien zu verbrennen - wenn möglich alle, die wir zu uns genommen haben. Und wir können nicht anders, genauso wenig, wie wir zuvor nicht essen konnten. Eine blosse Problemverschiebung, nicht etwa eine wundersame Genesung.

17.2.08 11:13


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