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.:Dies und das:.

Seit gestern Abend bin ich wieder in der Schweiz, und ich fühle mich so fremd hier, als wäre ich hier nie zu Hause gewesen. Vielleicht bin ich das auch nicht. Wie dem auch sei. Ich habe die letzten vier Tage in Innsbruck verbracht, der Stadt mitten in Österreich, in der ich als Kind jeden Sommer mit meinen Eltern mindestens eine Woche lang im Urlaub war. Damals war die Welt noch mehr oder weniger in Ordnung, jedenfalls habe ich zu der Zeit von der Unordnung noch nichts mitbekommen. Und nun sass ich am Freitagmorgen um zehn vor sieben im Zug, gemeinsam mit meiner Mutter. Sie hat als Kind ihren Urlaub schon dort verbracht, und für sie war es ebenfalls ein Stück Heimat. Als wir dann etwa vier Stunden später am Bahnhof in Innsbruck standen, war alles anders und doch noch genauso wie früher. 'Früher' ist jetzt etwa neun Jahre her. Und dennoch ist dieses Gefühl, irgendwie hierher zu gehören nicht verschwunden.
Unseren Kurzurlaub haben wir oft im wunderschönen Hofgarten verbracht. Es scheint fast, als wäre dort die Zeit einfach stehen geblieben. Die Bäume, die Blumen, die perfekt gerechten Kieswege und sogar der alte Pavillon sind noch genauso wie damals, als ich zum letzten Mal einen Schilling [vor neun Jahren wusste noch niemand etwas von Euros] in den Brunnen mit dem Froschkönig geworfen habe, um einem anderen Besucher damit Glück zu bringen. Stundenlang haben wir auf 'unserer' Bank im Schatten einer Trauerweide gesessen, geredet oder geschwiegen - und Unmengen von Kirschen Himbeeren gegessen. Das ist die nächste Geschichte: die Markthalle. Es handelt sich dabei um eine riesige Halle mit den verschiedensten Obst- und Gemüseständen, mit diversen Bäckern und Metzgern und einem kleinen Café im Anschluss. Wie ein richtiger Wochenmarkt eben, nur in einer Halle untergebracht und das ganze Jahr geöffnet. Und ich wage zu behaupten, dass es nirgendwo sonst so leckere Beeren gibt wie dort. Auch die Vollkornbrötchen sind kaum zu übertreffen. Womit wir beim nächsten Thema wären - das Essen. Ich gebe zu, ich hatte Panik davor, vier Tage lang ohne Waage auskommen zu müssen, zu essen wie jeder normale Mensch auch, all den süssen Spezialitäten [und davon hat Österreich weissgott genug!] ausgesetzt zu sein und irgendwie doch abnehmen zu wollen. Zu allem Überfluss war das Badezimmer im Hotel auch noch total verspiegelt, sodass ich jeden Morgen sehen konnte, wie fett ich wurde [Einbildung natürlich, aber das interessiert eine Essgestörte nicht]. Und jetzt kommt das Phänomen: ich habe gegessen. Nicht übermässig viel, nicht gefressen also [ich hatte nie einen Essanfall], aber auch nicht zu wenig. Zudem noch sehr gesund - viel Obst [sehr viel], viel Salat und Vollkornbrötchen [für etwas Warmes war es mit über dreissig Grad an allen vier Tagen einfach zu heiss]. Und ich habe keine Ahnung, wie viele Kalorien es waren. Fast scheint es mir nun, als hätte ich Urlaub von meiner Essstörung genommen. Einfach ein paar Tage leben, wirklich leben. Und es fiel mir nicht einmal sonderlich schwer. Fernab der gewohnten Umgebung, weg von all den Alltagsängsten und dem festgefahrenen Verhalten, aus dem ich hier nicht entfliehen kann, war alles plötzlich ganz einfach. Natürlich hat mir mein Pferd gefehlt, aber dennoch wäre ich am liebsten einfach dort geblieben. Es ist, als läge über der Stadt, in der ich als Kind immer eine unbeschwerte Zeit erlebte, ein riesiger Spiegel, der Sorgen und dunkle Gedanken einfach zurück ins Universum wirft. Aber nun bin ich wieder hier, und ich fühle mich fremd und fehl am Platz. Sehnsucht bereits nach wenigen Stunden. Natürlich würde ich mein Pferd niemals hier zurücklassen, doch wenn ich frei entscheiden könnte, würde ich ihn morgen in einen Transporter führen und zurück fahren, zurück 'nach Hause'. Denn hier bin ich wieder genauso gefangen wie vorher. Nichts hat sich wirklich geändert, ich war nur ein paar Tage nicht in meiner bekannten Welt. Und es waren seit langer, langer Zeit die schönsten Tage meines Lebens.

3.7.08 00:02


.:Die unendliche Geschichte:.

Erinnerungen - alte Bilder, die so alt noch gar nicht sind. Warum jetzt wieder? Ich verstehe es nicht, verstehe gar nichts mehr. Was geschehen ist, ist ständig präsent, verfolgt mich auf Schritt und Tritt und lässt mir keine Ruhe, jedenfalls niemals für lange Zeit. Sinnlos ist da die Frage, was ich verbrochen, welche dunkle Sünde ich begangen habe, dass ausgerechnet ich damals genau dort war. Und dennoch frage ich mich, warum. Die Welt denkt, es gehe mir besser, was die Essstörung betrifft - doch die kleinste Bodenwelle auf meinem Weg bringt mich sofort zum stolpern - und ich habe mein Gleichgewicht schon so lange verloren, dass ich jedes Mal kläglich hinfalle. Oder um es anders auszudrücken: ich bin nicht das kleinste Bisschen von der Krankheit entfernt, denn eine einzige Minute der Erinnerung reichte als Ursache für eine heftige Essattacke aus. Ich habe nicht zu viel gegessen - ich habe masslos gefressen und danach fast eine Stunde lang gekotzt. Nicht, dass es so lange gedauert hätte, bis alles wieder draussen war, aber ich hatte ständig diese Bilder im Kopf [das ist mir während dem Erbrechen noch nie passiert], die einen so grossen Ekel in mir hervorgerufen haben, dass ich ohne nachzuhelfen weiterwürgen musste, mein Körper hat sich einfach nicht mehr beruhigen wollen. Erst als ich dachte, ich würde gleich meine Organe hochwürgen, konnte ich aufhören, wieder einigermassen durchatmen. Danach sah ich zwar aus, als hätte ich mindestens vier Wochen nicht geschlafen und dazu  noch jeden Tag eine Überdosis verschiedener Drogen konsumiert, aber dennoch ging es mir besser. Ist das nicht absurd? Wie kann es mir nach einer solchen Orgie, die jeden normalen Menschen zur völligen Erschöpfung triebe,  bloss besser gehen? Wie dem auch sei, ich muss zugeben, dass ich heute [obwohl ich die Bulimie eigentlich abgrundtief hasse] fast froh war um den Fressanfall; die Erinnerungen waren derat stark und realistisch, dass ich nicht weiss, was ohne diesen 'Fluchtweg' passiert wäre. Möglich, dass ich der Essstörung für einmal dankbar sein muss [kann ich diese völlig kranken Worte wirklich auf die Menschheit loslassen?]. Nun sitze ich hier, leergekotzt und erschöpft, der Hals brennt, doch am meisten schmerzt die Seele, leidet stumm und versucht, alles unwahr erscheinen zu lassen. Erfolglos. Immer wieder tauchen die Bilder, der Geruch, die Schmerzen, die Angst in mir auf und werfen mich zurück. Und ich erlebe alles noch einmal. Und noch einmal. Und noch einmal. Meine unendliche Geschichte.

5.7.08 23:52


.:Extreme:.

Die Bilder verfolgen mich nicht nur - sie bestimmen jeden Atemzug. Ich schwebe, haltlos, panisch, und irgendwo ist da eine helfende Hand, hinterhältig und gefährlich zwar, aber sie ist eben doch da. Die Essstörung. Ich kann nicht mehr essen. Es geht nicht. Kein Apfel, kein Stück Brot, keine Tomate. Entweder hungern oder fressen. Und zwar richtig. Am Samstag habe ich vier Mal gefressen und erbrochen. Am Sonntag habe ich keinen Bissen angerührt. Heute habe ich zwei Mal gefressen und werde gleich noch zum zweiten Mal kotzen. Dazu kommt noch der Missbrauch von Abführmitteln, was das Ganze auch nicht besser macht. Etwas zwischendurch gibt es nicht mehr. Alles ist nur noch schwarz und weiss. Ich sass heute auf meinem Pferd und hatte zeitweise das Gefühl, mich nicht mehr im Sattel halten zu können. Der Durchfall durch die Abführmittel und das Erbrechen schwächen mich zu sehr. Wie soll das weitergehen? Nur eine Phase, vielleicht. Möglich, dass in ein paar Tagen alles wieder 'besser' ist, zumindest so wie vor diesen Erinnerungen. Nicht, dass ich da gesund gewesen wäre, ganz und gar nicht, aber immerhin konnte ich einen Apfel oder einen Jogurt essen, ohne ans Erbrechen zu denken. Ich habe Angst, mal wieder. In sieben Wochen fängt die Schule wieder an. Bis dahin muss ich das alles irgendwie im Griff haben. Gesund werde ich natürlich nicht bis dahin, das wäre ich nicht einmal, wenn ich morgen in eine Klinik ginge, aber es darf nicht so extrem sein. Wenn mir jetzt schon die Kraft für alles fehlt, wie soll das dann erst in der Schule werden? Es ist ja nicht so, dass ich nur physisch geschwächt bin durch die Krankheit; ich bin durch all die Erinnernungen auch psychisch so am Ende, dass ich oft die ganze Nacht wach im Bett liege und Angst habe. Angst, Angst, Angst - und wovor? Vor allem. Vor den Bildern. Vor dem Geruch. Vor den Schmerzen. Vor der Erinnerung. Vor der Realität. Vor mir selbst. Nur nicht vor dem Tod, aber das ist eine andere Geschichte. Mir springen immer wieder diese so bedeutsamen Worte ins Gesicht: ich brauche Hilfe. Alleine komme ich aus diesem Teufelskreis nicht mehr raus. Denn selbst wenn es mir in ein paar Tagen wieder besser gehen sollte, bleibt doch die Tatsache bestehen, dass ich abgenommen habe [noch nicht viel] und dass ich froh darüber bin. Das alleine wäre nicht dramatisch, wenn ich nicht auch wüsste, dass diese Erinnerungen mich immer wieder einholen werden, solange ich das alles nicht verarbeitet habe. Und genau das ist, wobei ich so dringend Hilfe brauche. Nur dann besteht überhaupt die Chance, irgendwann ein annähernd normales Essverhalten zu erlangen. Aber das ist eine andere Geschichte.
Ich brauche also Hilfe, und zwar nicht von Freunden oder meiner Familie, denn so wichtig mir diese Menschen auch sind - sie können mir hier nicht helfen. Ich will reden, muss reden, aber ich will niemanden belasten, will mir keine Gedanken darum machen müssen, was und wie ich etwas sage. Ich will verstanden, aber nicht bemitleidet werden. Und ich will vor allen Dingen nicht, dass jemand die Tränen weint, die mir gehören. Wenn ein Mensch all dem Schmerz wegen weinen soll, dann will ich es sein, denn ist meine Geschichte, es sind meine Schmerzen, es ist meine Angst. Kurz gesagt: ich muss mit meiner Psychiaterin reden. Zwar haben wir eine Therapiepause vereinbart [weil ich es nicht mehr ertragen habe, zu reden], die noch bis Ende September dauern soll, aber solange überlebe ich nicht. Niemals. Ich will nicht erst zu ihr, wenn ich wieder vierzig Kilogramm wiege und kurz vor dem Herzversagen stehe. So weit darf es nicht wieder kommen. Es muss etwas geschehen - jetzt. Nun gut, nicht jetzt gleich, sondern morgen. Ich werde ihr schreiben, sie um einen Termin bitten. Wenn sie nichts frei hat, muss ich eben warten [zu jemand anderem will ich nicht], aber wenigstens habe ich es dann versucht. Damit könnte ich einigermassen leben. Und dann? Ich weiss es nicht, keine Ahnung. Aber ich muss reden, will reden, will endlich all den Schmerz und die Angst loswerden, die Worte in mir jemandem anvertrauen, der damit auch umgehen kann. So bald wie möglich. Ich muss aus diesen Extremen raus.

8.7.08 00:59


.:Kampfzeit:.

Einmal mehr dieser Satz: ich kann nicht mehr.  Diesmal eher körperlich als psychisch, aber trotzdem. Ich bin müde, erschöpft, ausgelaugt und völlig kraftlos. Wahrscheinlich habe ich mir irgendeinen Virus eingefangen, jedenfalls habe ich die letzten zwei Nächte über dem  Klo verbracht und alles, was an Inhalt in meinem Magen war, hochgewürgt - und das noch nicht einmal freiwillig. Heute war mein Kreislauf dann dermassen im Keller, dass ich eine Viertelstunde brauchte, bis ich aufstehen konnte. Wie damals, als ich noch zweiundvierzig Kilogramm wog. Womit wir schon beim nächsten Thema wären: ich sollte siebenundfünfzig Kilogramm wiegen. Ich hatte das Gewicht erreicht und gehalten, und ich habe mich gehasst und abscheulich fett gefühlt. Das war vor eineinhalb Wochen. Nun sind es ganze drei Kilogramm weniger. In zehn Tagen. Und ich weiss schon jetzt, dass ich nicht wieder zunehmen werde, auch nicht, wenn es mir wieder gut geht. Nein, niemals. Es wird in die andere Richtung gehen - ich kenne mich und vor allem weiss ich, wie sehr die Essstörung noch immer in mir verankert ist. Gewichtsverlust bedeutet Euphorieschübe, bedeutet steigendes Selbstwertgefühl, bedeutet letztendlich leben. Traurig aber wahr. Natürlich ist mein Gewicht alles andere als bedrohlich, ich liege noch im normalen Bereich, nur eben nicht ganz bei meinem [angeblichen] Idealgewicht. Doch meine Krankheit will mehr beziehungsweise weniger. Hungern, immer weiter, wie vor etwas mehr als eineinhalb Jahren. Damals ist die Anorexie bei mir ausgebrochen, und obwohl ich nicht mehr anorektisch bin, spüre ich genau dasselbe Gefühl in mir, diesen Drang, immer weiter zu gehen. Dabei geht es nicht ums Aussehen - ich fand mich mit zweiundvierzig Kilogramm alles andere als schön sondern viel zu dürr - sondern um die Kontrolle. Ich kann etwas, das mir niemand nehmen kann, ich kann hungern, verzichten. habe meine Bedürfnisse und meinen Körper unter Kontrolle. Dass es sich dabei um eine Pseudokontrolle handelt, weiss mein Verstand nur zu gut, aber meine Seele, die so sehr an der Essstörung festhält, will davon nichts wissen. So gesehen ist der Gewichtsverlust doch nicht auf die leichte Schulter zu nehmen, auch wenn ich jetzt noch normalgewichtig bin. Es fehlen aber auch nur noch zwei Kilogramm bis zum Untergewicht. Und fünf Kilogramm bis zur Anorexie. Nur fünf Kilogramm von ehemals acht. Der Kampf 'Gesundheit gegen Krankheit' hat begonnen. Und ich weiss nicht, auf wessen Seite ich mich stellen soll.

14.7.08 00:09


.:Helfen lassen:.

Kaum zu glauben - es geht mir den Umständen entsprechend gut. Das hat mehrere Gründe, zwei erfreuliche und einen fatalen. Fangen wir bei Letzterem an [ganz nach dem Motto 'zuerst die schlechte Nachricht, bitte']: ich habe nichts gegessen heute, absolut gar nichts. Keinen Bissen. Das allein wäre noch nicht weiter tragisch, würde es mich nicht derart freuen. Auch das wäre nicht schlimm, wäre ich nicht essgestört und zur Zeit wieder auf dem Weg in die Anorexie. Aber das nur am Rande, denn eigentlich habe ich mir fest vorgenommen, endlich einmal wieder positive Worte ins weltweite Netzwerk zu werfen. Nun gut, dann will ich mal.
Erstens hatte ich heute Morgen Springtraining, und es war so toll, super, schön, genial, klasse wie noch nie. Ich hatte das Gefühl, als hätte mein Pferd den Boden gar nicht mehr berührt - es war, als würden wir über die Hindernisse fliegen. Ein unbeschreibliches Gefühl. Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit waren da keine Angst, keine Dunkelheit, kein Schmerz und keine Erinnerungen, sondern nur mein Pferd und ich [gut, natürlich noch die Sprünge und mein Reitlehrer]. Nicht nachdenken, nur reiten. Volle dreissig Minuten habe ich mich einfach konzentrieren können, habe versucht, es meinem wunderbaren Pferd so leicht wie möglich zu machen, und ich hatte das Gefühl, als hätte er genau dasselbe versucht. Wir waren mehr denn je eine Einheit, ein Team, Freunde. Und ich durfte wieder einmal erfahren, was Freiheit für mich bedeutet. Auch wenn es noch so anstrengend war und wir beide, mein Pferd und ich, danach ziemlich erledigt waren, war es doch auf eine besondere Art und Weise leicht, gerade zu einfach. Fast so, als wäre uns beiden all das, was wir in den sechseinhalb Jahren, die wir uns nun schon kennen, einfach in den Schoss gefallen. Ich weiss nicht, ob es nächste Woche oder überhaupt irgendwann wieder so sein wird, aber ich weiss, dass ich dieses Gefühl nie vergessen werde.
Und als ob das noch nicht genug Grund zur Freude wäre, habe ich in meinem virtuellen Postfach einen elektronischen Brief von meiner Psychiaterin erhalten [ich hatte ihr ja am Donnerstag letzte Woche geschrieben und sie um einen Termin gebeten], in dem sie sich für das Vertrauen bedankt, weil ich ehrlich war und geschrieben habe, dass es mir schlecht geht und ich Hilfe brauche - ihre Hilfe, und - das ist das Beste, was mir passieren konnte - dass sie schon am Freitag diese Woche, in zwei Tagen also, einen Termin frei hat. Damit hätte ich absolut nicht gerechnet, eher hätte ich erwartet, dass ich erstmal warten muss, weil ich ja schon drei lange Monate nicht mehr bei ihr war. Aber sie hat tatsächlich schon übermorgen Zeit für mich. Es mag sich seltsam anhören, aber ich bin sehr dankbar dafür, weil ich dadurch das Gefühl habe, ernst genommen zu werden und vor allem nicht so unwichtig zu sein, wie ich mich fühle. Warum sonst sollte sie den freien Termin ausgerechnet mir geben, obwohl ich doch schon so lange nicht mehr da war? Natürlich, es ist ihr Job, und wenn ein anderer Patient zuerst gefragt hätte, hätte der den Termin bekommen, aber trotzdem. Wenn sie mich und meine Angst vor den Erinnerungen [ich habe ihr kurz geschrieben, worum es geht] nicht ernst nehmen würde, hätte ich bestimmt nicht so schnell einen Termin bekommen. Zudem war es auch die Art, wie sie geschrieben hat, die mir das Gefühl gab, die Hilfe, um die ich sie gebeten habe, auch wirklich wert zu sein. Ist ja auch egal jetzt, jedenfalls bin ich sehr froh, so bald zu ihr gehen zu können. Bleibt nur zu hoffen, dass ich dann auch wirklich reden kann. Aber diese Bedenken sind nicht allzu gross - und ausserdem muss ich ja nicht mein ganzes Leben in einer Stunde aufarbeiten. Wichtig ist, dass jetzt endlich etwas passiert, dass der berühmte Stein ins Rollen kommt. Und dass es so ist, beruhigt mich irgendwie. Denn auch wenn ich oft im Nebel herumirre und nichts mehr klar sehe, so ist mir doch bewusst, dass es so nicht weitergehen kann. Ich komme nicht aus meinem Loch heraus. Ich muss mir helfen lassen. Ich werde mir helfen lassen.

17.7.08 01:07


.:Vertrauenssache:.

Da sass ich nun, nach drei langen Monaten, in denen ich alleine versuchte, den richtigen Weg zu finden - was so gehörig schief ging, dass ich mich am Schluss damit zufrieden gegeben hätte, überhaupt irgendeinen Weg zu finden. Doch da war nichst, nur Dunkelheit. Und dann habe ich endlich eingesehen, dass ich Hilfe brauche, professionelle Hilfe. Die Hilfe meiner Psychiaterin, bei der ich heute war. Was kann man über ein Therapiegespräch schon grossartig sagen? Ich möchte nicht zu sehr ins Detail gehen, dazu ist hier nicht der Platz. Nur so viel: ich betrat die Praxis als ein haltloses Etwas, unsicher, verängstigt, erdrückt und im Nichts schwirrend. Und als ich sie nach einer Stunde und vier Minuten wieder verliess, rasten eine Million Gedanken durch meinen Kopf, ein heilloses Durcheinander - aber, und das ist der entscheidende Unterschied - ich habe seit drei Monaten zum ersten Mal wieder gespürt, dass es tatsächlich mein Kopf ist, der so übervoll mit Gedankenfetzen ist. Ja, das ist ein Fortschritt, wenn man sich fast zwölf Wochen jede Nacht damit beschäftigt, die eigenen Suizidvorstellungen zu perfektionieren. Und da war da noch etwas: eine Offenheit, die ich so von mir nicht kenne. Trotz der Scham, die ich jedes Mal empfinde, wenn ich mich einem Essanfall hingebe, habe ich meiner Therapeutin davon erzählt, dass ich sehr viel häufiger diese Attacken habe und sogar wie sie ablaufen. Und ich habe ihr erzählt, wie sehr mich die Erinnerungen quälen, die Bilder, die mich einholen, sobald ich die Augen schliesse. Und - das ist wohl die grösste Hürde überhaupt gewesen - ich habe ihr nicht nur erzählt, dass ich mich selbst verletze, sondern habe ihr meinen vernarbten und zerschnittenen Arm zeigen können. Einfach so. Natürlich könnte man rein rationl sagen, es sei nichts weiter dabei - schliesslich ist sie Oberärztin in einer Psychiatrie und hat wohl schon sehr viel öfter Körperteile gesehen, die dem selbstverletzenden Verhalten der Patienten zum Opfer gefallen sind. Aber für mich war es ein grosser Schritt. Seltsam, denn wenn ich reite, stört es mich nicht im Geringsten, wenn jemand meine Verletzungen sieht, sei es nun mein Trainer oder die Leute im Stall. Aber das ist etwas anderes. Eine völlig andere Welt. Diese Menschen sehen nur einen vernarbten Arm und denken sich vielleicht ihren Teil dabei. Aber meine Psychiaterin sieht die Narben und ist imstande, ein Stück weit die Geschichte zu erahnen, die sie erzählen. Und wenn sie etwas nicht versteht, fragt sie nach, will die Gründe für diesen unglaublichen Schmerz in mir erfahren, der nur durch einen physischen Schmerz für kurze Zeit zu überlisten ist. Unvorstellbar bisher, aber ich habe es geschafft. Nein, ich denke nicht, dass ich jetzt gesund bin und es mir für immer gut gehen wird [möglich, dass neue Leser diesen Eindruck erhalten könnten, wenn ich mich in voller Euphorie über das Gespräch auslasse]. Aber das Reden, das Gehört- und Verstandenwerden hat mich erleichtert. Es ist, als wäre da endlich jemand, der imstande ist, mir zu zeigen, wie ich den Tonnenschweren Rucksack auf meinen Schultern besser tragen kann - abnehmen kann ihn mir niemand. Ein Mensch trägt seine Geschichte ewig mit sich.
Natürlich war auch das Essen ein Thema. Beunruhigt hat meine Therapeutin vor allem die Tatsache, dass ich in den letzten zwei Wochen fast fünf Kilogramm verloren habe. Nicht, dass mein Gewicht nun zu niedrig wäre, aber sie kennt die Selbstständigkeit meiner Essstörung mindestens genauso gut wie ich. Wegen dem ständigen Erbrechen und dem Missbrauch der Abführmittel soll ich zur Hausärztin, um meine Blutwerte kontrollien zu lassen. Aber das muss bis nächste Woche warten. Dann habe ich übrigens den nächsten Termin bei meiner Therapeutin [den letzten, bevor ich in Urlaub fahre]. Ich werde nun wieder regelmässig hingehen. Und nach dem Gespräch heute habe ich das Gefühl, als könnte ich es endlich schaffen, mein Leben wieder etwas in Ordnung zu bringen. In kleinen Schritten zwar, aber immerhin. Schliesslich habe ich nun Hilfe, jemanden, mit dem ich reden kann. Vertrauenssache.

19.7.08 00:22


.:Wenn der Körper streikt:.

Die Bulimie treibt mich immer weiter ins Nichts, und ich muss feststellen, dass der Versuch, die Tatsache zu verdrängen, dass ich überhaupt einen Körper habe, kläglich gescheitert ist. Genau dieser ist es nämlich, der allmählich am Ende ist. Und es wird immer schlimmer. Ich kann nicht einmal mehr sagen, dass ich esse und erbreche - nein, ich fresse und ich kotze, und das immer häufiger. Dabei hat sich etwas Grundlegendes geändert im Vergleich zu allen früheren bulimischen Phasen, die ich bisher durchlebt habe: bisher habe ich immer das Erbrechen als Notwendigkeit, als zwangsläufiges Übel dafür gesehen, dass ich essen konnte. Doch jetzt ist es umgekehrt - ich kotze nicht mehr, damit ich essen kann, ich stopfe mich voll, damit ich mich übergeben kann [um es wenigstens einmal etwas eleganter auszudrücken]. Nicht mehr das Essen ist mein 'Suchtgewinn', sondern das, was danach folgt. Das Brennen im Hals, wenn die Magensäure durch die Speiseröhre schiesst. Die Schmerzen, wenn ich unverdaute Nahrungsbrocken unter grosser Anstrenung wieder hervorwürge [ich mache mir bisweilen einen perversen Spass daraus, während dem Essanfall zu wenig zu trinken, sodass das Erbrechen noch schmerzhafter und anstrengender wird]. Kruz: das Kotzen bis zur völligen Erschöpfung ist es, was mich an der Bulimie festhalten lässt. Es geht nicht mehr hauptsächlich ums Abnehmen [was aber dennoch ein unsagbar hübscher Nebeneffekt ist!], sondern darum, meinen verhassten Körper zu knechten, bis ich nur noch Blut spucke. Die Bulimie ist nichts weiter als eine andere Form der Selbstverletzung geworden. Und auch, wenn es sich nach obigen Sätzen unglaubwürdig anhören muss - es ist befreiend, beruhigend, und es tut mir sogar auf eine absurde Art und Weise gut. Wenn ich völlig erschöpft im Badezimmer sitze, den Kopf kaum noch gerade halten kann und meine Augen angeschwollen sind, als würde ich allergisch auf den Sauerstoff in der Luft reagieren, dann fühle ich mich erleichtert, leer. Und es ist, als würde ich zusammen mit der erbrochenen Nahrung auch die seelischen Schmerzen wegspülen. Weg, weg - bloss verschwinden lassen. Wenn ich sie nicht mehr sehe, sind sie nicht mehr da. So einfach ist das [einmal mehr ein inzwischen sehr vertrautes Zitat: 'du siehst nur, was du sehen willst - alles andere existiert nicht.']. War es früher das Erbrechen, was mir an der Bulimie Angst machte, ist es nun das Essen. Da fragt sich wohl der ein oder andere, warum ich es denn dann nicht sein lasse. Das versteht niemand, der nicht in irgendeiner Weise süchtig ist. Es nennt sich Suchtgewinn. Ich brauche das Kotzen, und ohne etwas im Magen zu haben, geht es denkbar schlecht. Nur weiss ich nicht, wie lange mein Körper dieses Spiel noch mitmacht [nicht, dass ich die Bulimie wirklich als Spiel sähe]. Es scheint, als wäre er ziemlich erledigt, und ich höre ihn leise um Gnade bitten. Ignorieren, einfach weghören. Bis er endgültig streikt.

22.7.08 01:25


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