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.:Kräftezehrend:.

Ich muss weg von hier. So sehr habe ich gehofft, es würde alles besser werden, wenn nur erst die Schule wieder angefangen hat. Nun ist die erste Woche bereits vorbei, und meine Bulimie nimmt fast noch mehr Platz ein als davor. Jeden Tag ein Fressanfall, jeden Tag erbrechen. Ich kann nicht mehr, es raubt mir alle Kraft. Energie, die ich eigentlich für die Schule bräuchte, für das Lernen und um meine hochgesteckten Ziele zu erreichen. Aber stattdessen fresse ich mich voll und kotze anschliessend, bis mir der Hals brennt und ich das Gefühl habe, zu ersticken. Dabei verstehe ich noch nicht einmal, warum eigentlich; die Schule macht mir Spass [obschon es sehr anstrengend ist, wenn das Gehirn über ein Jahr nicht mehr zum Lernen gebraucht wurde], meine Klasse ist toll und ich habe gute Lehrer. Weshalb falle ich dann trotzdem immer tiefer in die Fänge der Essstörung? Ich zerbreche mir meinen müden Kopf, aber ich komme zu keiner Lösung. Tatsache ist, dass ich noch immer abnehmen will [ja, es ist falsch, aber dieser Wunsch ist so riesig, so stark in mir, dass ich dagegen nicht ankomme]. Dieses Gefühl, hungrig zu sein und dennoch nicht zu essen, ist dermassen überwältigend für mich, dass ich es nicht mehr erragen kann, auch nur annähernd satt zu sein. Die logische Konsequenz [natürlich nur, wenn man essgestört denkt] ist demnach, dass alles, was rein kommt, auch wieder rein muss [oder zumindest fast alles]. Hinzu kommt, dass das Erbrechen unglaublich erleichternd wirkt. Es ist, als würde ich alles, was mir auf der Seele liegt, einfach mit in den Abfluss spülen. Weg, bloss verschwinden lassen, nicht daran denken müssen. Meine Therapeutin denkt auch, dass mich die Vergangenheit noch so sehr belastet, dass ich einfach etwas loswerden muss [im wahrsten Sinne des Wortes], um seelisch nicht zu zerbrechen. Nur, was ist es? Ich weiss es nicht, verstehe das alles nicht. Früher ging es mir den Essattacken nur darum, alles essen zu können, was ich mir sonst verbiete. Aber jetzt steht das Erbrechen im Vordergrund, obwohl es unheimlich anstrengend und schmerzhaft ist - ich brauche das Gefühl, alles, was in mir ist, loszuwerden. Denn wenn ich esse, achte ich kaum auf den Geschmack der Lebensmittel oder darauf, worauf ich gerade Lust habe [weil ich ohnehin schon seit Jahren keine Lust mehr auf Essen empfinde], sondern nur darauf, dass sich das Zeug gut wieder hochwürgen lässt. Traurig ist das, sehr sogar. Und so gar nicht typisch bulimisch. Aber ich war noch nie typisch irgendwas, warum also im Bezug auf meine Krankheit? Nun, anderes Thema.
Fest steht jedenfalls, dass ich weg muss von hier, wenn ich nicht bald wieder in der Klinik landen will. Und das will ich auf keinen Fall! Nein, nicht noch einmal die Schule unterbrechen, noch einmal mein Pferd zurücklassen, noch einmal meine Familie enttäuschen. Es geht nicht, darf nicht sein. Und sofort springen mir die Worte meiner Psychiaterin ins Gedächtnis - sie sagte, ich stehe praktisch schon mit einem Bein in der Klinik, und wenn sich nichts ändern würde, hielte ich diese Belastung mit Schule und Essstörung noch höchstens ein halbes Jahr durch. Das macht mir Angst, denn ich weiss, dass sie recht hat. Ich muss etwas ändern, doch mir fehlt die Kraft dazu. Ich kann nicht mehr, bin am Ende. Was nun? Weg von hier. Ausziehen, so schnell wie möglich. Die Idee, zu dieser Familie zu ziehen, von der ich bereits erzählt habe, steht noch immer im Raum. Ich müsste nur endlich den Mut aufbringen, sie anzurufen und um ein Gespräch zu bitten. Aber ich bin denkbar schlecht darin, wenn es darum geht, um etwas bitten, was mich selbst betrifft. Doch mir bleibt nichts anderes übrig. So kann es nicht weitergehen. Ich gehe kaputt, mit jedem Tag ein bisschen mehr. Damals, vor fast neun Jahren, als meine Essstörung allmählich zum Leben erwachte, hätte ich niemals geglaubt, wie kräftezehrend das alles sein kann. Und nun stecke ich mitten drin, schon so lange Zeit. Zu lange Zeit. Ich kann nicht mehr.

1.9.08 00:32


.:Konzentrationsschwierigkeiten:.

Ich sitze an einem unheimlich alten Rechner mit noch viel älterer Tastatur in meiner Schule und versuche, irgendwie meinen Kopf frei zu bekommen, damit ich mich gleich wieder auf Mathematik und Geometrie konzentrieren kann. Die nächsten beiden Lektion habe ich keinen Unterricht, weil ich Italienisch anstatt Französisch gewählt habe. Eigentlich sollte ich die Zeit nutzen, um den Stoff für die nächste Stunde noch einmal durchzugehen, aber ich habe gerade eine Doppellektion Physik hinter mir, und mein Gehirn sieht sich ausserstande, auch nur einen kleinen Funken an Konzentration aufzubringen. Ob das wirklich nur an der vergangenen Lektion liegt, wage ich zu bezweifeln - vielmehr werden wohl der gestrige Fressanfall und mein mickriges Frühstück von heute Morgen daran Schuld sein [wer schon einmal versucht hat, einen ganzen Morgen lang nur mit einhunderfünfundzwanzig Gramm Magerjogurt als Energiequelle zu arbeiten, weiss wovon ich spreche]. Nun gut, mir bleibt nichts anderes übrig, als mich mit etwas Traubenzucker zu überlisten und zu hoffen, dass ich im Mathezimmer nicht halb tot vom Stuhl kippe. Wie dem auch sei, ich muss mir je länger je mehr eingestehen, dass mein Körper diese Doppelbelastung von Bulimie und Schule nicht gewachsen ist [wen wundert das?]. Solange ich mein Gehirn noch nicht wirklich gebraucht habe [ausser zum Kalorienzählen, aber das funktioniert mittlerweile ohne Anstrenung], konnte ich mir wunderbar einreden, es gehe mir gut, ich sei lebensfähig auch mit den ständigen Fressattacken und dem Erbrechen. Aber nun ist es Zeit für ein Bisschen Wahrheit - es geht nicht mehr . Wirklich nicht, und wenn nicht bald etwas geschieht, bin ich in absehbarer Zeit wieder in der Klinik [sagt übrigens auch meine Therapeutin]. Toll, wirklich. Ich überreiche mir soeben den Orden für... Dummheit? Schwäche? Willenlosigkeit? Idiotie? Ich weiss es nicht, aber ganz bestimmt nicht den für richtige Entscheidungen. Ich hätte damals in der Klinik bleiben sollen, hätte die verdammte Therapie beenden und gesund werden sollen. Aber diese Person im Spiegel wollte ja nicht ohne die Essstörung leben, wollte hungern. Und nun, nun frisst und kotzt sie fast täglich, nimmt zwar langsam ab, aber hat keine Kraft mehr für das, was eigentlich wichtig wäre - Schule, lernen, reiten, leben. Ich könnte mich [oder sie] ohrfeigen, nur würde das wohl hier im Lernraum einige Fragen aufwerfen bei anderen Schülern, die ich nur ungern beantworten würde. So komme ich eben zwangsläufig ohne Ohrfeige zu der Erkenntnis, dass ich etwas ändern muss. Ja, ich muss etwas ändern. Denn von alleine wird das nicht geschehen. Wäre ja auch zu schön, wenn ich eines Morgens aufwachen würde und die Essstörung einfach weggeblasen wäre [wäre das wirklich so schön für mich?]. Aber so einfach ist das nicht. Und ganz bestimmt nicht einfach genug, um mal eben in zwei Freistunden eine Lösung für dieses Problem zu entwickeln [man bedenke ausserdem, dass mein Kopf ohnehin nicht zu gedanklichen Höchstleistungen in der Lage ist mit gerade mal fünfundsechzig Kalorien, die wahrscheinlich schon auf dem Weg zur Schule verbrannt wurden]. Somit beschliesse ich kurzerhand, die Notwendig zur Veränderung im Raum stehen zu lassen und mich nun endlich den quadratischen Funktionen sowie der Tagens- und Cotangensfunktion zu widmen. Irgendwie muss es ja gehen. Irgendwie ging es immer, irgendwie wird es immer gehen. Bis es dann plötzlich nicht mehr geht.

2.9.08 10:41


.:Viel passiert:.

Wo soll ich bloss anfangen, das Chaos in meinem Kopf einigermassen zu ordnen? Am Montag bin ich zur besten Freundin meiner Mutter und ihrem Mann gezogen, und am Mittwoch war ich wieder zu Hause. Warum? Weil die Mutter dieser Freundin im Urlaub in Irland einen Schlaganfall hatte und nun im Krankenhaus liegt, und ihre Familie natürlich bei ihr sein will. Dies ist allerdings nur der halbe Grund, warum ich so lange nicht hier war. Mein Rechner meinte nämlich vor einer Woche, den Geist aufgeben zu müssen. Nichtsahnend habe ich ihn also in die Reparatur gebracht - wo mir dann gesagt wurde, dass die gesamte Festplatte komplett im Eimer ist [und alle gespeicherten Daten, zum Beispiel alle meine Bilder und Texte, ebenfalls].  Ich hätte losheulen können, wirklich. Aber der gute Herr meinte, er würde versuchen, die Daten zu retten. Und siehe da - heute habe ich die Nachricht erhalten, mein Rechner sei abholbereit und wieder voll funktionstüchtig, ebenfalls seien alle Daten noch vorhanden. Meine Hochachtung vor diesem Genie, das dieses technische Wunder vollbracht hat. Jedenfalls habe ich nun eine zusätzliche Festplatte, auf der alle Daten gesichert sind. Beruhigend zu wissen, wenn ich all die Fotografien denke, die sich auf meinem Rechner befinden.
Nun aber genug über die Wunder der modernen Technik. Es gibt nämlich noch eine weitere Neuigkeit. Ich werder ab nächster Woche in eine neue Klasse gehen [ein Semester tiefer]. In den vergangen Wochen musste ich feststellen, dass ich in dem Jahr, in dem ich nicht gelernt habe, so vieles vergessen habe, dass ich einfach nicht mehr mitkomme. Da ich überdurchschnittlich perfektionistisch veranlagt bin, hat das zu einem unglaublichen inneren Druck geführt, den ich, ganz Bulimikerin eben, mit unzähligen Fressanfällen auszugleichen versuchte. Im Klartext heisst das, dass ich zur Zeit durchschnittlich fünf Mal täglich erbreche. Ich habe allerdings nicht fünf Essattacken täglich; mein Magen hat sich laut meiner Ärztin so sehr an das ständiger Erbrechen gewöhnt, dass er nicht mehr in der Lage ist, Nahrung zu verarbeiten. Das sieht dann so aus, dass ich, egal was ich esse, etwa drei Minuten nach dem letzten Bissen spüre, dass mir alles wieder hochkommt [und dabei ist mir noch nicht einmal übel] und ich gerade noch Zeit habe, auf die Toilette zu rennen, ehe mein Magen das tut, was er in jahrelanger Arbeit gelernt hat - sich nach dem Essen entleeren. Das tut er mittlerweile ganz ohne meine Hilfe und auch dann, wenn ich es gar nicht will [ich erbreche sogar einen einzigen Apfel, und das tue ich garantiert nicht freiwillig]. Aber auch nach einem Essanfall fällt mir das Erbrechen plötzlich leicht, zu leicht. Ein bisschen würgen, und die Sache hat sich erledigt. Erstaunlich, wenn ich daran denke, dass ich früher meist fünfundvierzig Minuten und manchmal noch länger brauchte, um eine Essattacke rückgängig zu machen und es auch dann nur unter Zuhilfenahme von einer Zahnbürste oder ähnlichen Hilfsmitteln ging. So viel dazu. Nur weiss ich nicht, was ich davon halten soll. Klar, es erleichtert das Leben mit der Bulimie ungemein. Aber eigentlich ist das nicht das Ziel, denn ich will von der Essstörung wegkommen. Doch will ich das wirklich? Stehe ich voll hinter dem Satz 'ich will gesund werden!'? Ich bin mir nicht mehr sicher. Einmal mehr habe ich das Gefühl, als sei die Krankheit so sehr in mir drin, dass ich einen Teil von mir verlieren würde, wenn ich sie aufgäbe. Diese gedankliche Ambivalenz macht mich wahnsinnig. Wie soll ich denn weiterkommen, wenn ich nicht einmal weiss, ob ich gesund werden will? Vor diesem Hintergrund ist jeder Kampf gegen die Krankheit doch zum scheitern verurteilt. Aber es geht so vieles in mir vor, dass ich einfach dieses Ventil brauche, das mir die Essstörung bietet. Es fühlt sich an, als würde sich meine Welt total sprunghaft drehen - manchmal tagelang gar nicht, dafür aber plötzlich mit der zehnfachen Geschwindigkeit. Und ich komme dabei nicht mehr mit. Alles ist gerade zu viel, und ich weiss nicht mehr, wo ich bin, geschweige denn, wohin ich will. So kann es doch nicht weitergehen. Oder kann es das? Ich weiss es nicht.

20.9.08 00:16


.:Vermissen:.

Die Sehnsucht zerreisst mich in tausendzweihundertvierundneunzig Stücke, und ich bin nicht in der Lage, auch nur ein einziges als einen Teil von mir zu erkennen. Ich - haltlos, unsichtbar und doch viel zu sehr da. Nichts geht mehr, ich verliere mich mit jedem ungelebten Tag ein bisschen mehr. Alles dreht sich nur ums Essen, und ich bin es so leid. Ich will nicht mehr, keinen Atemzug länger. Wer je dachte, mit einer Essstörung leben zu können, belügt sich selbst; es ist durchaus möglich, mit dieser Krankheit zu existieren, aber leben, leben, das geht nicht. Denn das wahre Leben, das lebenswerte Leben, sollte doch mehr beinhalten als die verfluchten Gedanken um Nahrungsaufnahme und Nährwerte [beziehungsweise wie man diese wieder los wird]. Ich ziehe einen Schlussstrich. Nein, ich fühle mich nicht plötzlich wohl in meinem Körper, genauer gesagt verabscheue ich ihn zutiefst. Und ja, ich werde wieder abnehmen. Aber vor allem werde ich leben. Tausche den Schwarzweissfilm in meiner seelischen Kamera gegen einen Farbfilm aus - sehen lernen, was die Realität zu bieten hat. Wie soll ich denn sonst wissen, ob etwas davon mir gefällt? Ich könnte auf bisheriger Erfahrung beruhend sagen, es gäbe nichts, wofür sich diese Existenz noch lohnt. Doch eine Wahrheit bleibt nur so lange wahr, bis sie als falsch enttarnt wird. Vermissen? Ich vermisse die Kunst des Schreibens. Ich vermisse Worte. Ich vermisse den Anblick blühender Rosen. Ich vermisse den Schmerz und das Lachen. Ich vermisse die Herbststürme und meinen Regen. Ich vermisse die Nacht und die Kälte. Ich vermisse Sonnenstrahlen, die das Seewasser glitzern lassen. Ich vermisse das Gefühl, von Musik berührt zu werden. Ich vermisse das Vermissen. Und ich vermisse dich. Wo immer du bist. Wer immer du bist. Vergiss mich nicht. Du fehlst mir.

26.9.08 03:08


.:Kriegsschauplatz:.

Wie gut, dass ich keine Gefühle mehr habe. Denn wenn ich welche hätte, würde ich jetzt unter Garantie ausrasten und irgendwas  zerstören. Ich komme mir vor wie damals, als ich noch ein kleines Kind war und mein Vater in seinen Depressionen ertrank. Schon zu dieser Zeit war alles was ich tat grundsätzlich falsch. Gute Noten in der Schule? Egal, unwichtig. Erfolge im Sport? Nebensache. Hilfsbereitschaft und Folgsamkeit? Irrelevant. Schöne, selbstgemachte Geschenke zu Weihnachten und Geburtstagen? Selbstverständlich. Ein Lob für irgendwas? Fehlanzeige. Wozu auch? Ich wurde schliesslich geboren, um zu funktionieren. Es ging mir nicht gut, ganz und gar nicht, aber die traurigen Kinderaugen waren nun mal nicht gern gesehen - schliesslich ging es meinem Vater schon schlecht genug, da war für meine Sorgen und Ängste kein Platz mehr. So einfach war das. Und damit man den psychisch kranken, völlig labilen Vater nicht mit Gefühlen überforderte, wurden einem auch noch Gefühle wie Freude oder Glück verboten [das wurde natürlich nie so ausgesprochen, aber für mich fühlte es sich so an, und ich vertraue diesbezüglich meiner Wahrnehmung ausnahmsweise].
So viel zur Vergangenheit, aber was hat das mit der Gegenwart zu tun? Ich strenge mich so sehr an, alles perfekt zu machen. Wirklich. Die Schule, das Reiten und vor allem das Essen. Ich esse, obwohl ich es hasse. Würge das Zeug einfach runter, egal ob ich will oder nicht. Aber mein Magen rebelliert, er ist es nicht mehr gewohnt, Nahrung zu behalten. Ich kann nicht anders, der Brechreiz wird meist nach wenigen Minuten automatisch ausgelöst, ohne dass ich es will oder nachhelfen muss [ganz im Gegensatz zu früher!]. Und was folgt? Genau, Vorwürfe ohne Ende. Du willst nicht essen. Du kotzt absichtlich. Du willst wieder abnehmen. Du machst mich damit kaputt. Ich ertrage das alles nicht mehr. Iss doch einfach nicht so viel - die Worte meiner Mutter. Nun gut, dann versuche ich es eben mit kleineren Mengen. Es geht nicht. Ich erbreche schon nach einem einzigen Apfel, unabsichtlich wohlgemerkt. Die Kommentare sind nahezu identisch. Iss doch einfach normal. Hör auf, alles so klein zu schneiden. Nimm dir noch was, das reicht doch nicht. Iss endlich in einem normalen Tempo. Nun gut, ich verstehe, dass meine Mutter am Ende ihrer Kraft ist. Schliesslich hat sie früher schon unter meinem Vater gelitten, und meine Essstörung dauert nun auch schon fast neun Jahre. Natürlich ist es für eine Mutter schwer zu ertragen, wenn ihr Kind sich selsbt so zerstört. Ich weiss das, und ich mache ihr auch keine Vorwürfe. Dennoch ertrage ich das alles nicht mehr. Wie gerne würde ich sie manchmal anschreien, dass ich verdammt nochmal nicht normal essen kann, dass ich ihre Worte nicht etrage und dass sie mir viel zu viel Druck macht [zusätzlich zu dem Druck, den ich mir selbst schon mache]. Aber es geht nicht. Mein Verstand wehrt sich dagegen, eben gerade weil ich weiss, dass die Situation für sie ebenso unerträglich ist wie für mich. Und so bleiben alle die Konflikte, die sich täglich vermehren wie Bakterien in einer eitrigen Wunde, unausgesprochen. Totgeschwiegen, wie damals. Ich habe Angst. Was, wenn dieser Vulkan aus Gefühlen irgendwann ausbricht und dann auf einmal die ganze Wortlava an die Oberfläche gerät? Ich habe die leise Ahnung, dass unser bis anhin gutes Verhältnis darin untergehen würde. Ich kriege Panik, wenn ich daran denke, dass all die Liebe, die wir in der letzten Zeit wieder aufleben liessen, unter den heissen Schichten glühenden Gesteins verbrennen könnte. Denn eigentlich leben wir schon seit einigen Wochen im kalten Krieg. Und das, obwohl ich weiss, dass wir uns lieben, wirklich. Sie ist doch meine Mutter, und ich will ihr gewiss nicht wehtun. Ich werfe ihr auch nicht vor, dass sie mir momentan nicht gut tut, aber es ist eine Tatsache. Mir ist klar, dass sie nicht anders kann, oder eher, dass sie überhaupt nicht mehr kann. Ich erwarte nicht von ihr, dass sie meine Krankheit einfach so hinnimmt, gewiss nicht. Wie sollte sie das auch können? Sie ist wahrscheinlich ebenso verzweifelt wie ich, doch anstatt dass wir gemeinsam nach einer Lösung suchen, verbringen wir unsere Zeit damit, Gefühle zu verdrängen und damit wieder ins alte Muster zu verfallen. Natürlich ist meine Essstörung nicht mit der Krebserkrankung meines Vaters zu vergleichen, und dennoch bleibt eine Gemeinsamkeit: er war und ich bin eben doch krank. Und für meine Mutter muss es so aussehen, als könnte man mir ebenso wenig helfen wie ihm damals. Es tut mir leid. Aber ich ertrage diese Situation nicht mehr. Wie erwähnt, ich werfe ihr nicht vor, dass sie nicht mehr weiter weiss. Doch ich würde mir wünschen, dass sie sieht, wie sehr ich mich bemühe. Denn das tue ich wirklich. Ich weiss nicht, wie lange ich auf diesem Kriegsschauplatz noch atmen kann. Doch ich spüre, dass ich in absehbarer Zeit ersticken werde.

27.9.08 15:44





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