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.:Anorektisch:.

Es ist wieder so weit. Mein Body-Mass-Index liegt unter siebzehnkommafünf, ich gelte medizinisch gesehen als magersüchtig. Die magische Grenze, die ich so lange um jeden Preis wieder erreichen wollte; ich habe sie unterschritten. Und nun? Ja, ich bin dünn. Ich weiss es, ich spüre es, ich sehe es. Und trotzdem ist die Welt nicht in Ordnung [nicht, dass ich das erwartet hätte]. Ich bin nicht glücklich. Fühle mich zwar wohler in meinem Körper - ich kann nämlich erst jetzt überhaupt akzeptieren, dass ich tatsächlich einen Körper habe. Aber ich bin müde, kraftlos, ziemlich erschöpft. Dabei leiste ich nichts besonderes. Ich gehe zur Schule, nicht ganz so regelmässig, wie ich es tun sollte, aber immerhin. Und ich reite mein Pferd. Aber was ist das schon im Vergleich zu dem, was andere Menschen täglich schaffen? Eine Klassenkameradin von mir arbeitet neben der Schule hauptberuflich als Krankenschwester im Schichtdienst, sie hat kaum ein Wochenende frei. Und sie führt neben dem Lernen und dem Arbeiten auch noch eine glückliche Beziehung. Jemand anderes hat bereits drei Kinder [nicht erschrecken, sie ist auch mehr als doppelt so alt wie ich - ich besuche ja eine Erwachsenenschule] und arbeitet neben der Schule noch als Aushilfe im Supermarkt. Wie kann ich da sagen, dass mir alles zu viel wird? Ich leiste nichts im Vergleich zu anderen. Aber ich bin magersüchtig. Toll. Soll ich mir jetzt die Hand reichen? Was nützt mir das, wenn ich im Januar meine Zwischenprüfungen nicht bestehe, weil ich zu schwach war zum Lernen? Nichts. Denn meine Lehrer interessieren sich für meinen Kopf, nicht für meinen Körper, der mittlerweile mehr als acht Kilogramm leichter ist als nach den Herbstferien. Warum bin ich so sehr darauf fixiert? Ich weiss es nicht, auch nach neun Jahren Krankheit nicht. Wirklich nicht. Aber ich weiss, dass ich Angst habe. Verdammt viel Angst. Nun darf ich also wieder von mir sagen, ich habe Anorexie. Aber was ist, wenn es nun weiter bergab geht? So schnell wie letztes Jahr? Ich will nicht wieder vierzig Kilogramm wiegen. Ich will nicht wieder in eine Klinik. Nie wieder. Meine Mutter sieht mich bereits im Krankenhaus. Ich sähe schrecklich dünn aus, sagt sie. Ich könne so nicht weitermachen, sagt sie. Ich zerstöre mich und sie gleich mit, sagt sie. Ich sei wie mein Vater, sagt sie manchmal. Vielen Dank. Meine Mum hasst meinen Dad. Und ich bin wie er. Gut zu wissen. Oder auch nicht. Ja, sie hat es im Streit gesagt. Aber sie sagt es erschreckend oft in letzter Zeit [wir streiten uns auch erschreckend oft]. Und es tut weh. Auch wenn ich das nicht will, auch wenn ich versuche, mir einzureden, sie meine es nicht so. Und wenn doch? Dann müsste sie mich auch hassen. Nein, natürlich nicht - ich bin doch ihre Tochter. Und wenn ich wirklich alles kaputt mache? Ihr Leben genauso zerstöre wie mein eigenes? Dies sind nur Gedanken. Aber wo sind die Gefühle geblieben? Ausgekotzt. Verhungert. Tot. Einmal mehr. Denn mit der Anorexie kam auch diese ganz seltsame, andere Depression zurück. Ich kann nicht mehr sagen, ich sei traurig - ich fühle nichts mehr. Plötzlich. Oder bilde ich mir das ein? Ich weiss es nicht. Weiss gar nichts mehr. Nicht einmal, ob ich weiter abnehmen will. Klar, einerseits spornt mich diese Stimme in mir an, die Grenzen ein zweites Mal auszutesten. Hungern, immer weiter, immer mehr. Bis fast nichts mehr von mir übrig ist. Nein, ich kann das nicht tun. Meinetwegen mache ich mir keine Sorgen, es interessiert mich schlicht nicht, ob ich überleben würde. Aber was ist mit meinem Pferd? Ich darf ihn nicht alleine lassen. Er braucht mich. Und ich habe es ihm versprochen. Anorexie hin oder her - er ist wichtiger. Aber das ist eine andere Geschichte.
Ich werde diesen Eintrag für einmal ohne wirklichen Schluss beenden. Warum? Weil es für diesen Gedankensturm einfach kein Ende gibt. Noch nicht.

2.12.08 23:38


.:Der freie Fall:.

Abgenommen. Schon wieder. Mein Tiefstgewicht ist nur noch sechskommadrei Kilogramm entfernt. Nicht, dass ich das erneut ansterben würde - niemals -, aber es erschreckt mich. Es ist noch gar nicht so lange her, da war ich fünfzehn Kilogramm von besagtem Gewicht entfernt. Neun Kilogramm abgenommen. In etwa zwei Monaten. Magersüchtig. Offiziell sozusagen. Und nun? Ich weiss es nicht. Meine Ärztin gab mir gestern eine Gnadenfrist bis Ende Januar; sollte ich weiter abnehmen, muss ich wieder jede Woche zum Wiegen vorbeikommen. Und zum Blutdruckmessen. Und zum Elektrokardiogramm. Meine Blutwerte sind nicht wirklich berauschend, mein Blutdruck ist viel zu tief. Das kommt mir alles so bekannt vor. Ich will das nicht mehr, aber irgendwie freue ich mich doch jeden Morgen, wenn die Waage weniger anzeigt. Natürlich, das ist die Krankheit in mir. Aber manchmal frage ich mich, ob ich überhaupt gesund werden will. Ich habe schreckliche Angst, dass mir etwas fehlen würde. Die Essstörung nimmt einen so grossen Teil meines Lebens ein, dass bestimmt eine immense Lücke entstehen würde, wenn ich sie aufgäbe. Zudem kommt diese absolute Panik davor, zuzunehmen. Ich habe es in diesem Jahr erlebt. Zugenommen, und das nicht zu gering [obwohl ich mich in Grund und Boden schäme bei dem Gedanken, muss ich mir doch eingestehen, dass es ganze sechzehnkommafünf Kilogramm waren zwischen meinem Tiefst- und meinem Höchstgewicht in diesem Jahr]. Und ich stand kurz vor dem Suizid, weil ich mich nicht mehr ertragen konnte. Ist es das wert? Selbsthass, Abscheu, Ekel und Suizidalität - nur für ein normales Gewicht? Sogar meine Therapeutin ist sich sicher, dass es mir jetzt besser geht als im Frühling, als ich 'dick' war. Nein, ich war nicht dick, jedenfalls nicht objektiv betrachtet. Ich hatte Normalgewicht, einen BodyMassIndex von etwas über zwanzig. Unterträglich für mich. Im Sommer sank das Gewicht, Anfang Herbst steig es wieder bis zum Höchstgewicht [gut, mein tatsächliches Höchstgewicht hatte ich mit etwa zwölf Jahren, und das lag noch etwa dreizehn Kilogramm höher]. Und dann wurde alles anders. Von heute auf morgen waren mein Körper und meine Seele sich einig, keine Nahrung mehr zu ertragen. Jedenfalls habe ich alles erbrochen, was ich gegessen habe - wirklich alles, auch einen einzigen Apfel. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Ich habe seit fast drei Monaten keine feste Nahrung mehr bei mir behalten [können]. Mein Magen verträgt nichts mehr. Wahrscheinlich ist es in wirklich meine Psyche, die es nicht aushalten kann, aber das Ergebnis ist dasselbe: ich habe abgenommen, und das nicht zu gering. Ich kann mich noch erinnern, es ist nun knapp zwei Monate her, da hatte ich zum ersten Mal seit Februar wieder Untergewicht. Ein herrliches Gefühl, wenn man essgestört denkt. Das war der Zeitpunkt, als ich angefangen habe, mich wieder wohl zu fühlen. Nicht ganz, aber allmählich immer mehr. Und drei Wochen später, vor fast genau einem Monat, war sie plötzlich wieder da - die Zahl auf der Waage, die 'Anorexie' bedeutet [natürlich beginnt sowas im Kopf, und meine Gedanken sind wohl seit neun Jahren anorektisch, aber medizinisch gesehen beginnt Magersucht erst ab einem BodyMassIndex von siebzehnkommafünf]. Ich hätte die Welt umarmen können. Ist das nicht bescheuert? Man liest eine Zahl ab, sieht, dass man genau da gelandet ist, wo man nie wieder hin sollte [ob ich auch nicht wollte, weiss ich nicht - die Sehnsucht war immer irgendwie da] und freut sich wie ein kleines Kind, das an Weihnachten die doppelte Anzahl Geschenke erhält. Krank ist das, absolut krank. Aber die Essstörung ist nun mal da, mitten in meinem Kopf, in meinen Gedanken. Und ich bezweifle, dass ich sie jemals loswerde [vor allem, weil ich das wohl nicht hundertprozentig will]. Sie seltsam, dass auch meine Therapeutin heute genau dasselbe sagte; nur ein Drittel aller Betroffenen werden wirklich gesund - der Rest bleibt chronisch essgestört oder stirbt. Und ich? Ich will nicht sterben, nicht mehr. Aber gesund werden will ich irgendwie auch nicht. Die Krankheit gehört zu mir, und ich habe es irgendwie akzeptiert, wie es ist. Also blieben mir nur noch die vierzig Prozent, die chronisch krank bleibt. Die Frage ist nur, ob man damit leben kann. Aber das ist eine andere Geschichte.
Noch eine andere Geschichte: Weihnachten. Ich werde nichts grossartiges dazu sagen, ganz einfach, weil es mich nicht interessiert. Natürlich, wir feiern [Zitat meiner Mutter: 'das muss man doch tun, jeder tut es schliesslich!' - und sie hat es ernst gemeint]. Aber ich bin emotional irgendwie eingefroren. Vielleicht, weil sich meine Gedanken nur ums Essen drehen. Vielleicht, weil ich mir früh abgewöhnt habe, mich über Weihnachten zu freuen. Und vielleicht auch, weil ich einfach nur panische Angst vor dem Weihnachtsessen morgen habe [ich verdränge, dass es eigentlich schon heute ist - man beachte die Uhrzeit]. Kann ich wirklich kotzen, wenn am Tisch Gäste sitzen, noch dazu zwei Kinder, deren Mutter selbst seit fünfundzwanzig Jahren phasenweise bulimisch ist? Meine Mutter würde mich wahrscheinlich höchstpersönlich umbringen, sobald der Besuch weg ist [solange der nämlich da ist, muss schön brav heile Familie gespielt werden]. Aber essen... und es im Magen behalten? Sind die denn alle wahnsinnig geworden? Das geht auf keinen Fall! Klar, es geht einfach deshalb nicht, weil ich nicht will. Aber was macht das schon für einen Unterschied?
Egal. Ich bin müde. Und morgen wird ein stressiger Tag. Ich habe das Weihnachtsgeschenk für meine Mutter noch nicht fertig. Ich muss das Dessert [Mousse au Chocolat] vorbereiten. Ich muss die Wohnung putzen [meine Mum arbeitet morgen]. Ich muss mein Pferd reiten. Ich muss mit meinem Hund raus. Ich muss um Punkt sieben Uhr perfekt [das bedeutet, dass ich irgendwie verstecken muss, dass ich ziemlich viel abgenommen habe, weil meine Mutter allen erzählt hat, ich sei seit der Klinik wieder gesund] aussehen und glücklich lächeln. Ich muss kotzen, wenn ich nur schon daran denke.
In diesem Sinne - fröhliche Festtagslüge.

24.12.08 01:47





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