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Wie so oft steht am Anfang die Frage nach dem Warum. Warum erstelle ich diese Seite? Wozu, wenn doch niemand mich und meine Gedanken erkennen wird? Weshalb an einem Ort, zu dem die ganze Menschheit Zugang hat? Sinnlos, in jeder Hinsicht. Und doch nicht ganz; ich brauche Platz, eine eigene kleine Welt, in der ich meine Gedanken ungehindert laufen lassen kann.
Doch worum geht es hier wirklich? Um sie. Um mich. Um eine Fremde. Und um eine Krankheit. Um meine Krankheit. Um meine Essstörung. Möglich, dass einige Leute da draussen bei diesem Wort - im Zusammenhang mit einem Weblog zumindest - sofort an den Begriff 'ProAna' denken. Nein, darum wird sich diese Seite nicht handeln. Genauso wenig will ich hier über medizinische Fakten aufklären - dazu gibt es weitaus professionellere Literatur, als ich sie anbieten könnte. Es geht hier lediglich darum, wie ich diese Krankheit erlebt habe, noch immer erlebe und wohl immer erleben werde. Ich möchte versuchen, das komplexe Gedankengut, das hinter meiner Essstörung steckt, mich täglich in meinem Handeln und Fühlen beeinflusst, festzuhalten - um vielleicht irgendwann selbst zu verstehen, weshalb sie, das Mädchen im Spiegel, diesen Weg eingeschlagen hat. Wie so oft steht auch am Ende noch die Frage nach dem Warum.

Anfang
Hier sitze ich also, mitten in der Nacht, teetrinkend und nachdenklich. Vor nun bereits acht Jahren könnte ich nach dem Anfang meiner Erkrankung suchen, doch wenn ich mich detailierter hintersinne, muss ich feststellen, dass es 'den Anfang' nicht gibt; meine Geschichte hat wohl in gewisser Weise schon lange vor meiner Geburt begonnen - bei meinen Eltern und deren Eltern, in der Gesellschaft, in die geboren wurde und auch in der natürlichen Umgebung. Doch das würde zu weit führen. Und so werde ich doch vor acht Jahren den Anfang festlegen.
Ich war zwölf Jahre alt und stand vor einem Neuanfang - die Sommerferien waren vorbei, und ich wechselte von der Primarschule auf das Gymnasium. Tausend fremde Menschen um mich herum, riesige, graue Gebäudekomplexe mit unendlich vielen Zimmern, die mich mit ihren seltsamen Nummern verwirrten. Das war eine völlig andere Welt als die kleine, örtliche Primarschule mit ihren überschaubaren Gängen und dem einen, vertrauten Klassenraum. Und dann sass ich plötzlich in meiner neuen Klasse. Alleine. Viele Freunde hatte ich nie, doch immer waren einige Kinder in meinem Alter da gewesen, mit denen ich lachen und spielen konnte, wenn mir danach war [das war allerdings selten der Fall]. Und nun? Nun war mir mehr denn je danach, und ich war alleine, verloren. Heimlich verglich ich mich mit den anderen Mädchen - keine von ihnen war wie ich. Sie waren schöner. Sie waren witziger. Sie waren lauter. Sie waren frecher. Sie waren selbstbewusster. Sie waren dünner. Und Letzters traf mich am meisten. Ich - dick und unbeliebt. Wie viel ich damals wog? Es müssen etwas mehr als siebzig Kilogramm gewesen sein. Obere Grenze für Normalgewicht. Normal - nichts besonderes. Und das, obwohl ich etwas Besonderes sein musste, um den Anforderungen der Umwelt und meinen eigenen zu genügen. Schrecklich. Ich fühlte mich auf einmal ganz elend, und mit jedem Tag wurde der Druck in mir grösser. Bis die Rettung nahte. Eine Diät! Meine Mutter hatte beschlossen, ein paar Kilogramm weniger würden ihr nicht schaden, und ich sprang sofort zu ihr ins Boot. Die Ernährung wurde komplett umgestellt, und ich nahm ab, innert kurzer Zeit schon. Sichtbar. Und dann überfluteten mich Hölle und Himmel gleichzeitig [obschon ich zu dem Zeitpunkt nur den Himmel spürte - dass es auch die Hölle war, entdeckte ich erst später]. Ein Kompliment - ich sähe gut aus. Gut - ich! Unglaublich. Es gab einen Menschen, der mich beachtete. Seltsam, dass ich nicht mehr weiss, wer mich damals angesprochen hatte. Kurz darauf beschloss meine Mutter, dass sie schlank genug sei und ausserdem Lust auf Schokolade hatte - die Diät wurde beendet, ich ass gedankenlos wieder 'normal' [mein Essverhalten war von Geburt an nie wirklich normal] und nahm zu. Neues Höchstgewicht. Mit dreizehn. Sticheleien, schmerzende Worte, verletzende Kommentare, Klassenidiotin. Kinder können grausam sein. Pubertierende sind schlimmer.

Zwischenspiel I
Und dann die Erinnerung - ich sah gut aus. Es war leicht, zu leicht; einfach nichts mehr essen. Und das war es, was ich kurz vor meinem vierzehnten Geburtstag tat. Ich hörte auf zu essen, von heute auf morgen, vollständig. Wasser wurde mein Nahrungsmittel, das einzige Nahrungsmittel. Und als ich feststellte, dass ich mehr wog, wenn ich viel trank, hörte ich auch damit auf. Wie zeitsparend das alles doch war. Ich füllte anstatt meinen Magen mit Essen meinen Kopf mit Wissen. Lernen. Schlafen. Aufstehen. Zur Schule gehen. Erwartungen erfüllen. Nach Hause gehen. Lernen Schlafen. Und so weiter. Das Gewicht verschwand, ich fühlte mich frei, freier mit jedem verlorenen Gramm und am freiesten, als meine Sportlehrerin mich auf meinen massiven Gewichtsverlust ansprach und mich fragte, ob etwas nicht in Ordnung sei. Aufmerksamkeit! Ich hatte einen Weg gefunden, der Welt zu sagen, dass ich litt - denn es war mehr als nur 'etwas' nicht in Ordnung. Hungern - meine Stimme. Ich wog etwa fünfzig Kilogramm, als meine Eltern sich plötzlich Sorgen machten. Zusätzlich wurde mein Vater krank, ich wollte ihn in dieser Situation nicht belasten. Schliesslich war nichts, was in mir vorging, wichtig genug, um ausgesprochen zu werden [jedenfalls war ich davon überzeugt]. Und ich ass wieder.
Zwischenspiel II
Und ich hasste mich. Und musste einen Weg finden. Ich war fünfzehn, als ich die Wirkung zweier Finger im Hals entdeckte. Und ich erbrach - erst einmal im Monat. Dann zweimal. Dann einmal die Woche. Dann täglich. Dann mehrmals täglich. Und als mein Vater starb, gab ich mich auf. Und ich erbrach nicht mehr, ich kotzte - bis zu zwanzig Mal am Tag. Schule? Ich glänzte - in Abwesenheit. Es blieb einfach keine Zeit zum lernen, denn Schulbücher machen sich denkbar schlecht in der Toilettenschüssel. Das Gewicht stieg wieder und sank wieder und stieg wieder und sank wieder, jedoch nie drastisch. Ich wog ab diesem Zeitpunkt ständig plus minus fünfundfünzig Kilogramm. Und ich fühlte mich nicht dick, sondern fett, hasste mich und meinen Körper mehr als alles andere. Manchmal ging es mir zwischenzeitlich besser, jedenfalls habe ich nie mehr zwanzig Mal täglich erbrochen. Der Selbsthass und der Ekel vor dem eigenen Körper waren jedoch tief in meinem Kopf verankert - so tief, dass diese Gefühle niemals, niemals verschwanden. Und doch schlich und rannte, kroch und flog, schwebte und sank, schritt und schlurfte ich durch die Zeit. Bis ich auf der Lebensleiter einen Tag vor meinem neunzehnten Geburtstag stand. 
Zwischenspiel III
Es war ein warmer Herbsttag, und ich kann noch immer nicht darüber sprechen. Nur, dass sich an diesem Tag alles veränderte - genau wie viele Jahre zuvor, als ich von heute auf morgen aufhörte, zu essen. Diesmal war es ähnlich, wenn sich der Nahrungsverzicht auch nicht sofort einstellte. Ich gab die zwischenzeitliche Kontrolle über mein Essverhalten, die ich bis dahin noch hatte, völlig auf, liess mich geradewegs in die Fänge der Bulimie fallen. Und wieder folgten Tage, an denen ich bis zu zehnmal erbrach. Wozu kämpfen, wenn das Leben ohnehin schon vorbei ist? Nur wenige Wochen nach diesem bulimischen Rückfall holten mich die Erinnerungen ein, drastisch und schmerzhaft. Und mit ihnen kehrte auch meine Sehnsuch nach Hunger zurück. Die Sehnsucht, Leere zu spüren, sich selbst und alle Gefühle einfach wegzuhungern. Und ich tat es, tat, was ich tun konnte, um irgendwie seelisch zu überleben. Das Essen reduzieren. Nicht ganz weglassen, denn es galt immerhin noch, ein Pferd zu versorgen. Immer weniger. Von sechsundfünzig auf einundfünzig Kilogramm. Es war Dezember. Ich fror, stärker und stärker. Noch weniger Essen. Von einundfünfzig auf neunundvierzig Kilogramm. Die erste Therapie begann. Der gute Herr fand keinen Zutritt zu meiner Welt, blieb mir fremd. Nahrungsreduktion die Dritte. Von neunundvierzig auf siebenundvierzig Kilogramm. Sommerzeit. Wärme, äusserlich. Und ich fror noch immer.
Ein Termin im Universitätsspital. Eine neue Adresse. Häufige Arztbesuche. Gewichtskontrolle. Von Siebenundvierzig auf fünfundvierzig Kilogramm. Eine neue Therapeutin. Vertrauen, zum ersten Mal. Wir reden, verstehen uns. Sie ist besorgt über den Gewichtsverlust, spricht zum ersten Mal die Worte 'stationäre Therapie' aus. Ich will das nicht, kann das nicht - und doch vertraue ich ihr so sehr, dass ich ihr einfach glaube, glaube, dass sie recht damit hat. Und wir sprechen darüber. Und ich kann trotzdem nicht aufhören, zu hungern. Die Sucht ist längst stärker. Mit dreiundvierzig Kilogramm das Vorgespräch für die stationäre Therapie. Seltsam ist das alles. Ich weiss nichts mehr, sehne mich nach Klarheit und hungere weiter. Dann geht alles schnell. Herbst. Ein Jahr und vierzehn Kilogramm sind verschwunden. Und der Eintritt in die psychiatrische Klinik steht bevor. Mit zweiundvierzig Kilogramm - ich stehe an der Grenze zu lebensgefährlichem Untergewicht. Bei der Eintrittsuntersuchung sind Blutdruck und Puls dermassen tief, dass die Ärzte ernsthaft überlegen, mich auf der medizinischen Abteilung zu behalten. Sie entscheiden, mir eine Chance zu geben, lassen mich auf die psychiatrische Abteilung zurückkehren. Vier Tage später wiege ich noch einundvierzig Kilogramm. Es geht mir schlecht, sehr schlecht. Ich fühle mich eingesperrt, will nur noch nach Hause. Eine schwere Depression wird von meiner Ärztin in der Klinik diagnostiziert. Nicht erstaunlich. Einen Tag später packe ich meinen Koffer und lasse mich von meiner Mutter abholen. Es tut mir leid. Ich kann das nicht. Sie sagt nichts, nimmt mich in den Arm und wartet, bis ich nicht mehr weine. Dann verspricht sie mir, immer für mich da zu sein, mit mir nach einem anderen Weg zu suchen. Danke. Wieder daheim verfliegt die Euphorie so schnell, wie sie gekommen ist. Ich falle in ein noch tieferes Loch, liege nächtelang wach und weine ausgetrocknete Tränen. Mein Essverhalten gerät vollkommen aus den Fugen, ich erbreche nicht mehr einmal, sondern drei- bis viermal die Woche. Und nehme dadurch zu. Nicht gravierend, bloss um die vier Kilogramm, doch ich hasse mich dafür. Heute. Und weil es das Einzige ist, was mir Halt gibt, beschliesst meine Krankheit, wieder zu hungern. Schluss mit Bulimie. Anorexia nervosa ist aus dem Urlaub zurück. Eine gefährliche Rückkehr.
Zukunft
Schon kurz nach meinem Austritt aus der Klinik war klar, dass ich alleine keine Chance auf Genesung habe. Und ich brauchte ein paar Tage, um mir sicher zu sein, dass ich gesund werden will. Ich bin es bis heute nicht. Doch die Alternative ist schlechter, viel schlechter - der Tod. Es wird Januar werden, und ich werde erneut in die psychiatrische Poliklinik eintreten. Und wieder leiden, wieder hoffen, wieder essen, wieder mit dem Selbsthass, den Ängsten und dem Körper kämpfen. Das volle Programm. Wozu? Um vielleicht irgendwann zu leben. Wirklich zu leben. Wofür auch immer es sich lohnen wird. Und wenn nicht? Zum Sterben ist es nie zu spät. Aber vielleicht zum Leben. Nur noch zwei Monate. Fünfundvierzig Kilogramm. Wie lange noch?

Fortsetzung folg.




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